Selbstverwirklichung ist eine Form gesunden Egoismuses

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Selbstverwirklichung heißt, egoistisch zu sein

Psychologischen Untersuchungen zufolge lassen sich mehr als 75 % aller Menschen in ihrem Handeln von äußeren Einflüssen leiten. Woran liegt es, dass nur so wenige Menschen das Leben führen, das sie führen möchten?

Meist kommt es daher, weil viele Menschen denken, sie seien egoistisch, wenn sie das tun, was sie für richtig halten. Egoistisch zu sein, haben wir alle jedoch gelernt, ist etwas ganz Verwerfliches und Schändliches. Deshalb sagen wir so häufig „ja“, auch wenn wir „nein“ sagen wollen, stecken zurück, geben klein bei, reden und handeln gegen unsere Überzeugung und passen uns an.

Aber auch wenn wir uns scheinbar so selbstlos verhalten, indem wir es anderen recht machen, sind wir egoistisch. Wir wollen dann nämlich durch unser „selbstloses“ Verhalten erreichen, dass der andere weiterhin gut auf uns zu sprechen ist. Wir haben Angst, unser Ansehen könnte leiden oder der andere könnte sich von uns abwenden. Wir richten uns also nicht dem anderen zuliebe nach ihm, sondern um unserer selbst willen. Das ist egoistisch. Wenn wir keine Angst hätten, unser Ansehen zu verlieren, dann würden wir das tun, was wir für richtig halten.

Jeder Mensch ist egoistisch

An sich selbst zu glauben und das Leben zu führen, das man führen will, ist eine Form von gesundem Egoismus. Schädlich oder ungesund ist ein Verhalten nur dann, wenn man andere Menschen missbraucht und um des eigenen Vorteils willen ausnutzt. Wenn wir jedoch das tun und sagen, war wir für richtig halten, und von unserem Recht Gebrauch machen, das Leben zu führen, das wir führen wollen, ohne damit einem anderen zu schaden oder ihn auszunutzen, dann sind wir nicht egoistisch im negativen Sinne.

Überlegen Sie einmal für einen Moment, wie es heute um uns bestellt wäre, wenn es nicht Menschen wie etwa den Erfinder Edison oder den Entdecker Columbus gegeben hätte. Alle großen Künstler, Wissenschaftler und Forscher sind nur zu dem geworden, was sie heute sind, weil sie auf ihre innere Stimme gehört haben, die ihnen sagte: „Tue das. Das ist wichtig für dich.“ Hätten sie auf ihre Kritiker und Spötter gehört, dann würden wir heute wahrscheinlich noch in Höhlen leben.

Fortschritt ist nur möglich, wenn es Menschen gibt, die zu dem stehen, was sie für richtig halten, auch wenn sie dabei auf Kritik stoßen.

Seien Sie ehrlich: Welche Menschen respektieren und bewundern Sie am meisten? Jene, die ihre Meinung sagen, dazu stehen und ihren Weg gehen, auch wenn sie dabei auf Kritik stoßen, oder jene Menschen, die anderen nach dem Mund reden und ihr Fähnlein in den Wind hängen?

Vielleicht kennen Sie das Buch Die Möwe Jonathan. Der Autor hat dieses Buch mehr als 18 Verlagen in den USA angeboten und keiner wollte es haben. Als dann schließlich doch ein Verlag das Buch herausbrachte, wurde es innerhalb ganz kurzer Zeit ein Bestseller. Hätte der Autor auf die Verlage gehört, die sein Buch abgelehnt haben, und hätte er sich gedacht „Na ja, wenn die das sagen, dann wird das schon seine Richtigkeit haben“, dann hätte er sich nicht weiter darum bemüht, einen Verlag zu finden. Das Buch wäre nie erschienen. Er hätte sich um den Erfolg gebracht und viele Menschen um die Freude, die sie durch das Lesen dieses Buches verspürten.

Menschen, die das tun, was sie für richtig halten, sind meist beruflich erfolgreicher als Menschen, die dem Erfolg hinterher jagen und alles tun, um andere zufrieden zu stellen. Viel wichtiger ist jedoch, dass diese Menschen zufriedener sind als Menschen, die sich von der Meinung anderer leiten lassen. Persönlicher und materieller Erfolg im Leben hängt in einem hohen Maße von der Selbstbestimmung ab. Wer ein persönlich und materiell erfolgreiches Leben führen will, darf sich nicht von der Meinung seiner Umwelt beirren lassen. Er muss seiner inneren Stimme folgen und so handeln, als sei er allein.

Es gibt eine schöne Geschichte, die im Orient spielt. Sie handelt von der Schwierigkeit, es allen Menschen recht zu machen: Ein Mann reitet auf seinem Esel, hinter dem ein kleiner Junge, sein Sohn, läuft. Plötzlich ruft eine Stimme: „So eine Unverschämtheit. Der Vater sitzt auf dem Esel und der arme kleine Junge muss mit seinen kleinen Beinchen hinterher rennen.“ Der Vater überlegt einen Moment, dann steigt er herab und lässt seinen Jungen auf dem Esel sitzen. Doch bald ist eine andere Stimme zu hören. „Das ist doch die Höhe. Da sitzt der Junge doch wie ein Pascha auf dem Esel und der arme alte Vater muss nebenherlaufen.“ Vater und Sohn schauen sich für einen Moment an und dann steigt der Vater zu dem Jungen auf den Esel. Kaum sind sie ein paar Schritte geritten, ruft ein anderer: „So eine Tierquälerei. Jetzt muss der arme Esel so schwer tragen, nur weil die Herrschaften zu fein sind, um zu laufen.“ Vater und Sohn schauen sich an und steigen beide vom Esel ab und laufen nun neben ihm her. Plötzlich hören sie ein lautes Gelächter und eine Stimme ruft: „Nun schaut euch die beiden Trottel an. Wie kann man nur so blöd sein und neben seinem Esel herlaufen. Wozu hat man denn so ein Tier?“

Diese Geschichte lehrt uns: Wir können es nie allen Menschen recht machen, gleichgültig wie sehr wir das auch anstreben. Wir können es letztlich nur einem Menschen voll und ganz recht machen: uns selbst. Es wird immer Menschen geben, die das, was wir tun und sagen, nicht gut finden und uns dafür ablehnen.

Haben Sie schon einmal gehört, dass man einem Kritiker ein Denkmal errichtet hat?

Anregungen für mehr Selbstverwirklichung

1. Der erste Schritt mehr auf Ihre innere Stimme zu ist, dass Sie eine Bestandsaufnahme machen. Bei welchen für Sie wichtigen Entscheidungen lassen Sie es zu, dass andere Ihnen sagen, wie Sie Ihr Leben zu führen haben. Überlegen Sie gleich jetzt einmal, wo Sie zurückstecken und das tun, was andere von Ihnen erwarten, anstatt das zu tun, was Sie tun möchten. Nehmen Sie einen Notizblock und schreiben alles auf, was Ihnen dazu einfällt.

2. Überlegen Sie nun, in welchen für Sie wichtigen Bereichen Sie beginnen wollen, das zu tun, was Sie für richtig halten. Schreiben Sie wiederum diese Bereiche und Situationen genau auf. Seien Sie dabei so konkret wie nur möglich.

3. Beantworten Sie folgende Fragen offen und ehrlich: Wenn ich mir mein Leben so einrichten könnte, wie ich wollte, wenn ich auf niemanden Rücksicht nehmen müsste, würde ich dann so leben wie jetzt? Würde ich mit dem Partner zusammenleben? Würde ich an dem Ort leben, in dem Land? Würde ich diese Arbeit machen?

An welchen Orten wir leben, welche Arbeit wir machen, mit welchem Partner wir zusammenleben, all das ist unsere Entscheidung.

Meist machen wir jedoch von dieser Entscheidungsmöglichkeit keinen Gebrauch, da wir Angst haben, den vertrauten Pfad zu verlassen und uns in Neuland zu begeben. Man muss jedoch die Küste verlassen, wenn man neue Kontinente erobern will.

Seite 14/20 Offen sein für Neues

© 2003-2010 Dr. Doris Wolf & Dr. Rolf Merkle - Selbstverwirklichung und Egoismus
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