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In einem Fragebogen, den ich allen meinen Patienten gebe, steht die Frage: „Was ist der Nachteil beim Erwachsenwerden?“ Die meisten antworten darauf: „Der Nachteil ist, dass man dann für sich die Verantwortung übernehmen muss.“
Die meisten Menschen erleben es als belastend, für sich selbst und ihr Leben die Verantwortung übernehmen zu müssen. Viele wären gern immer noch das kleine Mädchen oder der kleine Junge, für den andere entscheiden. Sie hätten dann nicht die Verantwortung, wenn etwas schief ginge, und andere würden dann, wie früher die Eltern, ihre Fehler wieder ausbügeln oder dafür geradestehen.
Woher kommt es, dass wir uns so schwer tun, die Verantwortung für uns und unser Leben zu übernehmen? Meist hängt es mit Erfahrungen zusammen, die wir in unserer Kindheit gemacht haben. Wir haben erlebt, dass man zu Ausreden und Lügen greifen muss, um ungeschoren davonzukommen. Sind wir nämlich bei der Wahrheit geblieben, haben wir beispielsweise zugegeben, dass wir die Scheibe eingeworfen oder den Teller zerbrochen haben, dann mussten wir uns einen Vortrag über unsere Unvernunft und Dummheit anhören und obendrein den Schaden von unserem Taschengeld wiedergutmachen.
Unsere Eltern bestraften uns durch Liebesentzug, Schläge, Taschengeldkürzungen oder sonstige Einschränkungen und Verbote. Wir wurden also für unsere Ehrlichkeit bestraft. Unsere Eltern zeigten kein Verständnis für unsere Fehler und Missetaten.
So ist es verständlich, dass wir uns angewöhnten, anderen die Schuld für unser Versagen zu geben. Wir wurden sehr erfinderisch, wenn es darum ging, die Erwachsenen von unserer Unschuld zu überzeugen.
Unsere Eltern, überhaupt alle Erwachsenen, waren für uns in dieser Hinsicht sehr gute Lehrmeister. Sie machten es uns vor, wie man sich durchs Leben mogelt. So erlebten wir vielleicht, dass sie zu Onkel Fritz sehr freundlich und nett waren, zuhause aber über ihn herzogen. Wir erlebten, wie sie am Telefon eine Einladung mit der Begründung absagten, sie hätten ausgerechnet an diesem Tag schon etwas anderes vor. Sie würden ja gerne kommen, aber leider sei das nicht möglich. Das nächste Mal, hoffe man, kommen zu können. Kaum hatten sie aber den Hörer aufgelegt, sagten sie: „Bei denen ist es immer so langweilig. Und überhaupt. Mit denen kann man sich ja nicht vernünftig unterhalten.“
So lernten wir, nach außen eine Fassade aufzubauen, aus unserem Herzen eine Mördergrube zu machen, keine Verantwortung zu übernehmen, anderen die Schuld für eigene Fehler und Schwächen zu geben, zu lügen und unehrlich zu sein.
Heute sind wir sehr schnell bei der Hand, andere für unsere Schwierigkeiten und Probleme verantwortlich zu machen. Mal ist es der Partner, der uns auf den Wecker geht, dann sind es die Kinder, die Arbeitskollegen oder der Chef. Sehr beliebt als Sündenbock sind auch die Eltern oder die schlechte Kindheit, die Vererbung oder die wirtschaftliche Lage. Selbst der liebe Gott bleibt da nicht verschont.
So werfen viele Menschen ihren Eltern vor, diese seien daran schuld, dass sie Probleme haben und im Leben auf der Verliererseite stehen.
Sie werfen ihnen vor, sie hätten sie zu streng oder zu nachgiebig erzogen, hätten nie ein gutes Wort für sie übrig gehabt oder hätten sich nicht genügend um sie gekümmert.
Sie führen ihr Unglücklichsein darauf zurück, dass sie ein Einzelkind sind, dass sie das Jüngste von 12 Kindern sind oder überhaupt keine richtigen Eltern hatten, da sie im Heim aufgewachsen sind.
Wenn wir diese und viele andere Entschuldigungen gebrauchen, dann fühlen wir uns unserer Vergangenheit hilflos ausgeliefert. Wir glauben dann, dass wir unserer Vergangenheit nicht entrinnen können und deshalb dazu verurteilt sind, ein unglückliches Leben zu führen.
Dies stimmt jedoch nicht. Wir sind nicht hilflos an unsere Vergangenheit gekettet. Wenn wir auch unsere Vergangenheit und damit ihre Auswirkungen auf unser heutiges Leben nicht ungeschehen machen können, so können wir dennoch damit beginnen, unserem zukünftigen Leben eine neue Richtung geben. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass wir die Verantwortung für unser Leben und unsere Probleme übernehmen.
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Warum Selbstverantwortung wichtig ist
© 2003-2010 Dr. Doris Wolf & Dr. Rolf Merkle - Selbstverantwortung Teil 1
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