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Viele Menschen haben Angst vor dem Älterwerden. Ja, es scheint, als sei das Älterwerden so etwas wie eine Schande oder eine Krankheit.
Woher kommt es, dass das Älterwerden für so viele Menschen ein Schreckgespenst ist? Meist liegt es an der Einstellung, dass man mit einem gewissen Alter nicht mehr attraktiv ist und nicht mehr gebraucht wird. Man kommt sich nutzlos vor und sieht in seinem Leben keinen Sinn mehr. Daher kommt es auch, dass so viele Menschen kurz nach ihrer Pensionierung häufig krank werden und oftmals sehr bald sterben. Ihr Beruf war ihr einziger Lebensinhalt. Durch ihn hatte ihr Leben einen Sinn. Da sie nicht gelernt haben, ihrem Leben auf andere Weise etwas abzugewinnen, kommen sie sich nun überflüssig und nutzlos vor.
Diese Menschen haben nicht gelernt, etwas mit sich und ihrem Leben anzufangen. Nun, da sie ohne Arbeit sind, wissen sie nicht so recht, womit sie sich beschäftigen sollen. Der Verlust ihrer Arbeit hat bei ihnen eine große Leere hinterlassen. Es fehlt ihnen an Interessen und Hobbies, die sie ausfüllen. Sie haben versäumt, anderen Dingen gegenüber offen zu sein. Alles, was rechts und links ihres Weges lag, haben sie unbeachtet gelassen. Sie haben ihre Neugierde und Offenheit gegenüber dem Neuen aufgegeben. Sie haben sich denen angeschlossen, die sagen, dass man im Alter eben gewisse Dinge aufgeben müsse.
Ich glaube, es ist gerade umgekehrt. Wenn wir Dinge aufgeben, dann werden wir alt. Solange wir jedoch am Leben teilnehmen und uns nicht von ihm fernhalten oder ausschließen, so lange können wir lebendig sein.
Wer zum passiven Ausruhen auf dem Erreichten neigt, macht sich vorzeitig schwach und alt. Wer hingegen für neue Gedanken offen ist, bleibt lebendig und jung.
Ein chinesisches Sprichwort sagt:
Der Mensch ist bei seiner Geburt biegsam und zart, bei seinem Tode steif und starr. Die Kräuter und Bäume sind bei ihrem Entstehen biegsam und saftig, bei ihrem Aussterben trocken und dürr. Darum: Was starr und groß ist, geht abwärts, was biegsam und zart ist, geht aufwärts.
Alter ist eine Frage des Geistes und nicht der Lebensjahre. Man wird alt, wenn man glaubt, dass einem viele Dinge verschlossen sind. Man ist so alt, wie man sich fühlt. Da man so fühlt, wie man denkt, kommt es darauf an, dass man sich nicht einredet, man sei für dieses oder jenes zu alt und man könne deshalb vom Leben nichts mehr erwarten.
Wenn man sich ständig suggeriert, dass man für gewisse Dinge zu alt sei, dann stellt man sich selbst auf ein Abstellgleis. Man nimmt dann nicht mehr am Leben teil und beobachtet nur noch wehmütig die vorbeifahrenden Züge. Man rostet vor sich hin und gerät so in eine immer schlechtere körperliche und seelische Verfassung. Wenn man immer nur seine Falten zählt und sich darum sorgt, alt zu werden, dann führen diese negativen Suggestionen dazu, dass unser Gesicht immer lebloser und maskenhafter wird. Um so mehr hat man dann Anlass, negativ von sich zu denken. Das ist ein verhängnisvoller Kreislauf.
Das Gesicht ist der Spiegel der Seele. Wer positiv durchs Leben geht, sieht jünger aus. Wer negativ durchs Leben geht, bekommt sehr bald ein verbrauchtes Gesicht. Wohl gemerkt, ich meine damit nicht die Falten im Gesicht eines Menschen. Unsere positiven wie negativen Gedanken sind die Baumeister unserer Seele, unseres Körpers und unseres Äußeren.
Es gibt Menschen, die sind schon mit 20 Jahren „tot“, und es gibt Menschen, die sind noch mit 60 und 70 Jahren so lebendig und aktiv wie einst als junge Menschen. Man ist in dem Maße jung, in dem man sich die Freuden der Jugend erhält. Ein vergnügter Greis ist dann nur ein alter Knabe.
Es gibt viele Menschen, die noch im Alter Höchstleistungen bringen. So schrieb Goethe „Faust“ mit 80 Jahren. George Bernard Shaw brach sich sein Bein mit 96 Jahren. Wissen Sie, wie das passierte? Er fiel vom Baum, als er Pflaumen pflückte. Galileo brachte sein letztes Buch mit 74 Jahren heraus. Mick Jagger, Udo Jürgens und Tina Turner touren mit ihren über 60 Jahren immer noch um die Welt und begeistern ihre Fans mit ihrer Musik. Eine mir bekannte Frau hat mit 69 Jahren das Tauchen erlernt. Guiseppe Verdi war 77 Jahre jung, als er mit der Oper Falstaff begann. Grandma Moses machte als Malerin in Amerika Karriere, als sie mir über 70 Jahren anfing, zu malen. Die eigentliche Karriere von Theodor Fontane beginnt erst im Alter von 60 Jahren. Erst dann schrieb er seine bekanntesten Werke wie Effi Briest oder Stechlin.
Kaufen Sie sich ein Skateboard und fahren Sie den Jungen davon. Höre ich Sie sagen: „In meinem Alter geziemt sich das doch nicht. Im meinen Alter tut man das doch nicht. Die anderen werden mich für verrückt halten.“
Schade, wenn Sie so denken. Pfeifen Sie doch darauf, was sich geziemt. Seien Sie ein wenig verrückt und tun das, woran Sie Gefallen haben. Seien Sie verrückt und genießen Ihr Leben. Ich glaube, man muss in unserer heutigen Zeit ein wenig verrückt sein, um in dieser verrückten Welt zu überleben.
Die Engländerin Helen Tew hat im Jahre 2000 mit 89 Jahren in einem Segelboot den Atlantik überquert. 11 Monate war sie unterwegs. Sie erfüllte sich diesen Traum, nachdem sie 70 Jahre davon geträumt hatte! Sie starb 2004 im Alter von 92 Jahren. In einem Interview sagte sie: Höre nicht auf die Pessimisten. Es gibt immer jemanden, der dir erzählen will, dass du etwas nicht tun kannst, weil es zu schwierig oder zu gefährlich sei, weil du zu jung oder zu alt seist. Es gibt keinen richtigen Zeitpunkt für etwas. Tu es einfach. Es ist nie zu spät, die Dinge zu tun, die du schon immer tun wolltest.
Ein chinesisches Sprichwort besagt:
Ein großer Weiser erscheint oft wie ein Narr.
Was Menschen mit zunehmendem Alter immer älter werden lässt, ist die Einstellung, dass man nur in jungen Jahren Spaß und Freude am Leben haben kann.
Seien Sie kreativ und überlegen Sie sich, was alles in Ihrem Leben schon zur Routine geworden ist. Überlegen Sie, welche Dinge Ihnen früher Spaß gemacht haben, die Sie aber aufgegeben haben, weil es sich in Ihrem Alter nicht mehr geziemt, so etwas zu tun. Probieren Sie, wann immer sich die Gelegenheit bietet, etwas Neues aus.
Verrückt zu sein, bringt so viel Freude und Spontaneität. Das Leben hält so viele Überraschungen für uns bereit, wenn wir für sie offen sind. Wir sind alle viel zu ernst und nüchtern. Wir lachen nicht genug. Wir verbringen unser Leben in den immer gleichen und vertrauten Bahnen und wundern uns dann, dass unser Leben langweilig und unausgefüllt ist.
Einige Anregungen
1. Machen Sie jeden Tag eine neue Erfahrung. Überlegen Sie jeden Tag aufs Neue, aus welchen gewohnten und langweiligen Bahnen Sie ausbrechen können. Essen Sie zuerst die Nachspeise und dann das Hauptgericht. Gehen Sie, wenn es regnet, ohne Schirm spazieren und werden nass. Tunken Sie den Kuchen in den Kaffee, wenn Ihnen danach zu Mute ist. Kaufen Sie sich das Motorrad, von dem Sie schon so lange träumen wenn Sie es sich leisten können. Fahren Sie auf dem Jahrmarkt mit dem Kinderkarussell oder der Geisterbahn. Gehen Sie nie ins Bett, ohne etwas Neues gesehen, geschmeckt, gehört, gelesen oder erlebt zu haben.
2. Planen Sie das nächste Wochenende einmal ganz anders als sonst. Fahren Sie beispielsweise allein oder mit Familie einfach mal drauf los, ohne Ziel und Plan. Halten Sie an, wo es schön oder interessant ist.
3. Kramen Sie in Ihren Kindheitserlebnissen. Was hat Ihnen als Kind oder Jugendlicher Spaß gemacht? Welche Hobbies oder Sportarten haben Sie früher gemacht? Wählen Sie daraus einige Dinge aus und probieren Sie diese heute nach 10, 20 und mehr Jahren erneut aus.
Hier sind einige, vielleicht in Vergessenheit geratene Kindheitsvergnügen als Anregung: durch Regenpfützen laufen, Steine übers Wasser hüpfen lassen, Drachen steigen lassen, im Wald durch Laub gehen, so dass es raschelt, aus Moos und Ästen ein kleines Häuschen bauen, über umgestürzte Baumstämme balancieren.
4. Gehen Sie zu Veranstaltungen, von denen Sie bisher dachten, dass Sie daran keinen Gefallen finden würden. Machen Sie die Probe aufs Exempel. Finden Sie heraus, ob dem tatsächlich so ist.
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Negatives Selbstwertgefühl
© 2003-2010 Dr. Doris Wolf & Dr. Rolf Merkle - Das Alter und Älterwerden genießen
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