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Soziale Angst überwinden

von Dr. Doris Wolf, Psychotherapeutin

Wer kennt es nicht, diese leicht feuchten Hände, die Schmetterlinge im Bauch und die Anspannung, wenn man sich unter wildfremde Menschen begibt? Ca. 75 Prozent aller Menschen haben Angst vor neuen Menschen und Veranstaltungen, Vorträgen und Seminaren, bei denen sie niemanden kennen. Und doch ist es nicht der Anblick fremder Menschen, der in uns den Angstschweiß hochsteigen läßt. Unsere negativen Phantasien, was uns in Gegenwart dieser Menschen passieren könnte, sind die tatsächliche Ursache für unseren körperlichen Amoklauf.

Schauen wir uns hierzu ein Beispiel an:
Die kontaktfreudige Frau P. und die kontaktängstliche Frau N. sind beide zu einer Riesenfete von Yvonne eingeladen. Frau P. sieht das Fest als Chance, neue Leute kennenzulernen. In einem pfiffigen Outfit und mit der Einstellung: "Du siehst gut aus und wirst ankommen" kommt sie zur Fete. Nachdem sie ihre Glückwünsche losgeworden ist, lässt sie erst mal ihren Blick prüfend umherschweifen: "Lauter unbekannte Leute, wer interessiert mich am meisten?" Selbstsicher und mit einem Lächeln auf den Lippen geht sie auf einen jungen Mann zu und spricht ihn direkt an: "Hallo, woher kennst du Yvonne?" Nach einer angeregten Unterhaltung wendet sie sich mit den Worten: "Ich will mal weiterschauen, wen ich sonst noch kenne," anderen Gästen zu. Es ist für sie ein gelungener Abend.

Ganz anders Frau N. Sie hat sich schon tagelang damit beschäftigt, ob sie überhaupt hingehen soll. In schlichter unauffälliger Kleidung macht sie sich auf den Weg. Sie quält sich mit bangen Fragen: "Was, wenn die anderen alle besser aussehen, klüger sind ... Was, wenn niemand sich mit mir unterhalten möchte?" Auf dem Fest angekommen verzieht sie sich in die hinterste Ecke und wartet darauf, angesprochen zu werden. Spricht sie jemand an, lächelt sie unsicher und gibt knappe Antworten. Am Ende des Abends fühlt sie sich bestätigt, eben nicht interessant für andere zu sein.

Warum es den meisten von uns schwerfällt, auf andere zuzugehen

Wenn wir es uns genau überlegen und ehrlich zu uns sind, gibt es täglich sehr viele Möglichkeiten, mit anderen ein paar Worte zu wechseln. Wir können zwar nicht steuern, ob sich daraus ein längerfristiger Kontakt oder eine Freundschaft entwickeln mag, doch manchmal wirken ein paar nette unverbindliche Worte mit einem Fremden gesprochen schon Wunder. Wir fühlen uns plötzlich eins mit der Welt und dazugehörig.

Ratgeber der Psychologin Doris Wolf zum Thema Andere ansprechen, Gespräche führen

ratgeber schüchternheit - soziale angst

Überlegen Sie einmal selbst, wie vielen Menschen Sie täglich ganz zufällig begegnen. Da sind die Nachbarn aus der Umgebung, der Briefträger, die Zeitungsfrau, die Verkäuferin im Lebensmittelgeschäft oder Kaufhaus, die Frau, die neben Ihnen in der Straßenbahn sitzt oder an der Haltestelle wartet, der Mann auf der Parkbank oder im Eiscafé, die Kundin hinter oder vor Ihnen am Bankschalter oder an der Parkhauskasse. Ganz abgesehen von den Menschen, die Sie treffen, wenn Sie sich ganz bewusst unter die Menschen begeben - wie z.B. im Café, bei einem Vortrag oder im Seminar, in der Gymnastikgruppe, bei einer Hochzeit oder auf einem Fest, etc. Wo immer Sie Menschen treffen, haben Sie die Wahl, Kontakte zu knüpfen oder sich "vornehm" zurückzuhalten.

Wenn Sie zu den kontaktängstlichen Menschen gehören, dann sind Ihnen die folgenden negativen Gedanken vertraut:

  • Ich weiß nicht, ob der andere an einem Gespräch interessiert ist. Am Ende läßt er mich abblitzen. Also warte ich lieber, bis der andere mich anspricht.
  • Ich weiß nicht, wie ich ins Gespräch mit einem Fremden kommen kann.
  • Ich habe Angst, mit zu banalen Dingen ein Gespräch zu beginnen.
  • Ich spreche niemanden an, weil ich Angst davor habe, er sieht, wie unsicher ich bin.
  • Ich weiß nicht, womit ich ein Gespräch beginnen soll. Von mir gibt es nichts Interessantes zu erzählen.
  • Besonders peinlich finde ich es, ein Gespräch anzufangen und dann plötzlich nicht mehr weiter zu wissen.
  • Ich will nicht aufdringlich sein.

Hinter diesen Gedanken verbergen sich die Angst vor einem Mißerfolg und die Angst vor Ablehnung. Leider hindern uns diese Gedanken auch daran, wirklich angenehme Erfahrungen zu machen. Sehr wahrscheinlich haben Sie auch schon einmal erlebt, dass Sie ein nettes Gespräch mit einem Fremden hatten und Sie diese schöne Stimmung den ganzen weiteren Tag begleitet hat. Ja, vielleicht sind einige Ihrer Freundschaften durch solch ein zufälliges Gespräch initiiert worden. Ich denke, Sie können mehr gewinnen als verlieren, wenn Sie es wagen, ein paar nette Worte mit Ihren Mitmenschen zu wechseln.

Sie können gewinnen:
das Gefühl, dazugehörig zu sein
Zufriedenheit und Freude
einen Freund
eine nette Bekanntschaft
eine neue Erfahrung mit einem unbekannten Menschen
die Erfahrung, fähig zu sein, Kontakt zu knüpfen, wann immer Sie es wollen

Sie riskieren:
dass Ihr Gegenüber nicht zu einem Kontakt bereit ist
dass Sie bemerken, dass Ihr Gegenüber ein vollkommen anderer Mensch wie Sie ist und sie sich nur wenig zu sagen haben

Wie Sie mit anderen leichter in Kontakt kommen können

1. Wenn Sie sich in all den Jahren eher in der Warteposition befunden haben, als aktiv auf andere zuzugehen, dann benötigen Sie nun erst einmal die positive Einstellung: "Ich gehe auf den anderen zu und beginne ein Gespräch. Wenn er nicht daran interessiert ist, sagt das nichts über mich aus. Aus irgendeinem Grund will er keinen Kontakt. Schade." Es bedeutet auf gar keinen Fall, dass Sie uninteressant und unattraktiv sind. Andere sind nun mal nicht immer in der Stimmung für ein Gespräch oder haben selbst Angst davor. Vielleicht haben diese auch Vorurteile Ihnen gegenüber und schätzen Sie falsch ein.

2. Mit einem Blickkontakt und einem Lächeln signalisieren Sie Ihrem Gegenüber, dass Sie sich für ihn interessieren. Sie können damit gleichzeitig testen, wie es mit seiner Empfangsbereitschaft steht. Reagiert er überhaupt nicht oder schaut er weg, dann ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um mit ihm in Kontakt zu treten.

3. Beginnen Sie mit small talk, statt lange oder zu lange nach dem idealen Gesprächsbeginn zu suchen. Untersuchungen haben ergeben, dass es relativ unwichtig ist, was man als Einstieg wählt.

Ratgeber erröten verhindernFür den Einstieg in ein Gespräch stehen Ihnen drei Themen zur Auswahl:

a) die Situation
Sprechen Sie über die Situation, in der Sie sich beide befinden. Schauen Sie sich um und greifen Sie etwas auf, was Sie beide interessiert oder irritiert. z.B: "Kaufen Sie öfter hier ein? Dauert das immer so lange an der Kasse?" "Haben Sie schon öfter in diesem Restaurant gegessen? Können Sie mir etwas besonders Leckeres empfehlen?"

b) die andere Person
Die meisten Menschen reden gern über sich und werden erfreut auf Ihre Fragen oder Kommentare antworten. Bevor Sie anfangen, sollten Sie studieren, was die andere Person gerade tut, trägt, sagt und liest, und sich überlegen, worüber Sie gerne mehr wissen möchten. Beispielsweise: "Ich habe Sie schon öfter im Park gesehen. Was lockt Sie denn am meisten hier am Park?" "Sie kennen sich so gut in ... aus. Wie lange befassen Sie sich schon damit?"

c) Sie selbst.
Dieser Einstieg führt eher selten zu einem anregenden Gespräch.

4. Haben Sie den Einstieg ins Gespräch bereits geschafft, dann können Sie es gut am Leben erhalten, indem Sie offene Fragen stellen. Zu den offenen Fragen gehören die Fragewörter: Wie? Warum? Auf welche Weise? Ihr Gegenüber kann darauf nur schwer mit einem knappen Ja oder Nein antworten. Sie erhalten dadurch mehr zusätzliche Informationen, die Sie in den Fortgang des Gesprächs mit einbeziehen können.

Denken Sie daran, dass Sie und Ihr Gesprächspartner für den Fortgang des Gesprächs verantwortlich sind. Sie haben den Mut gehabt, ihn anzusprechen. Sollte sich herausstellen, daß Ihr Kontakt nicht tragfähig ist und sie nicht viel gemeinsam haben, dann ist das auch in Ordnung. Dann hat dieses Gespräch lediglich geholfen, die Zeit zu vertreiben und Ihre Menschenkenntnis zu vertiefen.

© 2003-2011 Dr. Doris Wolf & Dr. Rolf Merkle - Soziale Angst
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