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von Dr. Rolf Merkle, Psychotherapeut
Haben Sie schon einmal von anderen den Vorwurf gehört "Du mit deinem Perfektionismus!" oder "Du bist ein Pedant!"?
Ist für Sie gut nie gut genug? Wollen/müssen Sie immer alles 100-prozentig, besser noch 120-prozentig machen? Wollen Sie stets das Optimum und leiden seelisch und körperlich unter Ihren hohen Ansprüchen? Haben Sie den Verdacht, ein Perfektionist zu sein? Gewissheit gibt Ihnen der Perfektionismus Test.
Schauen wir uns an, was Perfektionismus ist, welche Folgen er für uns hat und wie man lernen kann, weniger verbissen und perfektionistisch zu sein, ohne gleich Durchschnitt oder ein Versager zu sein.
Perfektionismus oder das Streben nach Perfektion beeinflusst unsere gesamte Person.
Perfektionismus äußert sich in unserem Denken.
Beispielsweise haben wir Einstellungen wie:
Als Perfektionisten ist unsere Aufmerksamkeit darauf gerichtet, Fehler und Schwächen bei uns und anderen besonders gut zu erkennen. Fehler nehmen Perfektionisten zum Anlass, sich zu verurteilen. Selbst wenn sie etwas 100-prozentig machen, können sich Perfektionisten nur selten freuen. Sie hätten es ja vielleicht noch besser machen können!
Wir setzen uns unter Druck und dulden keine mildernden Umstände. Wir sind sehr rigide und können nicht ab und zu geben.
Perfektionismus hat Auswirkungen auf unseren Körper.
Unser Streben nach Perfektion führt zu körperlicher Anspannung und innerer Unruhe. Im Grunde bringen wir uns in einen Stresszustand und können alle Symptome, die mit Stress verknüpft sind, verspüren.
Perfektionismus hat Auswirkungen auf unsere Gefühle.
Wir haben Angst vor Fehlern, Angst zu versagen, Angst vor Ablehnung und Angst vor Erfolg. Wir sind frustriert oder deprimiert, wenn wir nicht das Optimum oder unsere Ziele erreichen. Wir sind nicht mit dem zufrieden, was wir erreicht haben. Wir ärgern uns maßlos über unsere Fehler und Unvollkommenheiten.
Perfektionismus hat Auswirkungen auf unser Verhalten.
Perfektionisten tun sich z.B. schwer, eine Arbeit zu beenden, weil sie aus ihrer Sicht noch nicht perfekt sein könnte. Sie trauen sich nicht an neue Aufgaben, weil sie Angst haben, sich dumm anzustellen oder etwas falsch zu machen. Machen sie bei einer Aufgabe einen Fehler, brechen sie diese ab, anstatt sie weiterzuführen. Sie verheimlichen vor anderen, dass sie ein bestimmtes Ziel anstreben. Wenn sie es nicht erreichen, dann weiß es wenigstens keiner. Sie vermeiden es, sich Ziele zu setzen, weil sie sich dadurch Enttäuschungen ersparen wollen.
Irgendwann in unserem Leben gewöhnlich in der frühen Kindheit haben wir öfters die Erfahrung gemacht, dass wir nur dann Zuwendung und Anerkennung bekommen, wenn wir perfekt sind, gewisse Standards und die Erwartungen der anderen erfüllen. Wir fühlen uns irgendwie nicht in Ordnung und liebenswert und sind deshalb sehr stark auf die Anerkennung unserer Mitmenschen angewiesen. In der Perfektion sehen wir die Lösung, Anerkennung zu bekommen.
D.h., letzlich sind für den Perfektionismus ein geringes Selbstwertgefühl und die daraus resultierende Angst, nicht gut genug zu sein und die Angst vor Ablehnung verantwortlich.
Die Forderung nach Perfektion ist ein Anspruch, den wir nicht erfüllen können. Es mag uns vielleicht gelingen, in einem Bereich zu einem bestimmten Zeitpunkt perfekt zu handeln, aber über alle Bereiche und zu jedem Zeitpunkt ist dies unmöglich. Das übersteigt unsere menschlichen Fähigkeiten.
Wenn wir also in allem Perfektion von uns fordern, sind wir zum Scheitern verurteilt. Wir schaden uns damit. Und dass wir von anderen die ersehnte Zuwendung bekommen, trifft auch nicht immer ein, da Perfektion häufig zu Neid und Ablehnung bei anderen führt und man als Streber angesehen wird.
Die stetige Forderung nach Perfektion führt dazu, dass wir
An dieser Stelle möchte ich zuerst eine Warnung aussprechen: Fordern Sie nicht von sich, dass Sie das Streben nach Perfektion 100-prozentig überwinden müssen sonst sind Sie erneut in die Perfektionismus Falle getappt und Ihrem Ehrgeiz wieder auf den Leim gegangen.
Perfektionisten sehen Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit als Alternative. Doch darum geht es auf keinen Fall. Es geht um Flexibilität und die freie Entscheidung, in jeder Situation bewusst die Entscheidung zu treffen, wie viel Einsatz man bringen möchte und wann man sagt, es ist gut genug.
Behalten Sie Ihre hohen Ansprüche, geben Sie Ihr Bestes, Mittelmaß gibt es schon genug. Herausragende Leistungen werden nur von Menschen mit hohen Ansprüchen erbracht.
Letzlich geht es beim Streben nach Perfektion darum, trotz hoher Ansprüche die Fähigkeit zu haben, mit Fehlern und Unvollkommenheiten leben zu können, d.h. sich nicht als Versager anzusehen, wenn man etwas nicht 100-prozentig gemacht oder erreicht hat.
Dieser Artikel über Perfektionismus ist nicht perfekt und er wird es vielleicht nie sein. Ich arbeite immer mal wieder daran, ihn zu optimieren und das ist alles, was ich tun kann.
1. Beginnen Sie damit, schriftlich Bilanz zu ziehen:
In welchem Verhalten schlägt sich Ihr Streben nach Perfektion nieder im Beruf und im Privatleben? Was tun Sie besonders intensiv? Was meiden Sie?
2. Welchen Gewinn und welchen Verlust haben Sie durch diese Verhaltensweisen?
3. Suchen Sie nach den Gründen für Ihr Perfektionsstreben:
Was würde passieren, wenn Sie eine Aufgabe nicht perfekt erledigen würden? Wovor haben Sie Angst? Z.B. mangelnde Anerkennung und Bestätigung durch andere, den Erwartungen der anderen nicht gerecht zu werden, Ablehnung durch andere, Selbstablehnung, Schuldgefühle, Scham.
4. Wie müssten Sie denken, um lockerer mit einer nicht perfekten Leistung umgehen zu können?
Wenn Sie sich schwer tun, eine neue Sichtweise zu finden, könnte es Ihnen helfen, sich bei Ihren Freunden umzuhören. Wer Ihrer Freunde geht lockerer mit den Anforderungen und Aufgaben in seinem Leben um, ohne deshalb ein Versager oder Mittelmaß zu sein? Wie denkt dieser?
Hier ein paar Vorschläge:
Ein Fehler stellt nicht meine Erfolge in Frage.
Solange niemand in Lebensgefahr ist, kann ich auch mal einen Fehler machen oder eine Aufgabe nicht 100-prozentig gut machen.
Ein Fehler ist eine Chance, dazu zu lernen.
Fehler machen ist menschlich.
Ich kann auch Erfolg haben, wenn ich nicht immer alles perfekt mache.
5. Malen Sie sich in der Vorstellung aus, wie Sie mit Ihrer neuen Einstellung an zukünftige Aufgaben herangehen und anders mit diesen umgehen.
6. Dann wagen Sie sich, Ihr neues Verhalten auch in der Realität zu zeigen.
An dieser Stelle müssen Sie damit rechnen, dass Sie sich zu Beginn sehr unwohl fühlen. Sie haben das Gefühl, es sei nicht richtig, entspannter und lockerer mit wichtigen Aufgaben umzugehen. Mit zunehmender Übung wird dieses Gefühl verschwinden.
7. Lernen Sie, sich selbst mehr anzunehmen - stärken Sie Ihr Selbstwertgefühl
Dies ist Ihre wichtigste Aufgabe und vermutlich die größte Herausforderung - die Sie jedoch nicht zu 100 Prozent erfolgreich meistern können. Solange Sie sich generell für nicht gut genug und nicht liebenswert fühlen, wenn Sie nicht das Optimum aus sich herausholen, solange werden Sie versuchen, Ihr Selbstwertgefühl zu stärken, indem Sie herausragende Leistungen bringen. Nur wenn Sie sich als Person für liebenswert halten - unabhängig davon, wie gut Sie etwas machen, entziehen Sie Ihrem Streben nach Perfektion den Närboden und sind in der Lage, lockerer mit Aufgaben und Fehlern umzugehen.
Es ist in Ordnung, etwas perfekt machen und eine gute oder herausragende Leistung abliefern zu wollen. Schädlich ist nur, sein Selbstwertgefühl von seiner Leistung und dem Ergebnis abhängig zu machen.
Die Forderung nach Perfektion ist eine sehr hartnäckige Angewohnheit. Dabei zählt jedes kleine Schrittchen, das Sie auf dem Weg zu größerer Freiheit und Spontaneität machen. Sie haben dafür ein dickes Lob verdient!
© 2010-2011 Doris Wolf & Rolf Merkle - Perfektionismus ablegen - Ehrgeiz, alles perfekt zu machen - das Streben nach Perfektion - krankhafter Ehrgeiz
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