Frauen in der Vergleichsfalle

Frauen sind meist anfälliger dafür in die Vergleichsfalle zu geraten als Männer. In diesem Beitrag will ich zeigen, woran das liegt.

Frauen in der Vergleichsfalle
© Priscilla Du Preez, unsplash.com

Frauen können meiner Erfahrung nach besonders schlecht mit Vergleichen umgehen. Auch das ist, wie so vieles andere, auf unsere Vorfahren zurückzuführen. Evolutionsbiologisch waren Frauen nämlich mehr als Männer darauf angewiesen, im sozialen Verband zu leben – wurden sie der Gesellschaft verstoßen, zum Beispiel weil sie sich nicht konform verhielten, bedeutete das zwangsläufig ein Leben in Einsamkeit und damit den sicheren Tod.

Vor allem in der Zeit der Schwangerschaft und den ersten Monaten, in denen ein Säugling gestillt werden muss, war es von enormer Wichtigkeit für Frauen, von den anderen mitversorgt zu werden, da es viel weniger Möglichkeit gab, sich selbst Nahrung zu beschaffen oder die Feuerstelle warmzuhalten. Selbst wenn es heute mehr alleinerziehende Mütter als Väter gibt und jede Frau in der Lage wäre, ihr Leben ohne Partner und Versorger zu gestalten, arbeiten die alten Mechanismen immer noch in unserem Gehirn. 

Die Anforderungen unserer Gesellschaft sind heutzutage viel komplexer geworden. Insbesondere Frauen beklagen sich häufig darüber, dass sie den Spagat zwischen Beruf und Familie nicht mehr zustande bringen – aber selbstverständlich ist es auch für Männer enorm schwer, ihren Platz zwischen alten Rollenbildern und neuen Herausforderungen zu finden.

Sie sollen Elternzeit nehmen, um nicht nur ein Wochenend-Papa zu sein, gleichzeitig im Haushalt Verantwortung übernehmen, sich im Beruf selbst verwirklichen und sich in der Freizeit liebevoll um die Partnerin zu kümmern oder in Vereinen zu engagieren. Und egal, wie sie es machen, am Ende wirft ihnen doch irgendjemand vor, sie seien ein Macho oder Pantoffelheld.

Auch Frauen kennen das Dilemma: Einerseits erwartet man von Frauen, dass sie Kinder in die Welt setzen (die einzige Sache, die ihnen die Männer wirklich nicht abnehmen können) – andererseits sollen sie nach kürzester Zeit wieder in den Beruf einsteigen und möglichst voll arbeiten. Auch, wenn die anderen Mütter in Teilzeit darüber missbilligend den Kopf schütteln und leise „Rabenmutter!“ zischen. 

Aber nicht nur Frauen vergleichen sich mit Frauen, sondern auch mit Männern. Was umso bemerkenswerter ist, weil die zwei Geschlechter vollkommen unterschiedliche Voraussetzungen haben. Wir können dankbar sein für alle Errungenschaften der letzten Jahre. Noch nie in der Menschheitsgeschichte hatten so viele Rechte und Möglichkeiten wie heute.

Dennoch können wir hinterfragen, warum es viele Frauen darauf anlegen, die besseren Männer zu werden. Ist es wünschenswert, dasselbe Leben wie ein Mann führen zu wollen, wenn ich doch eine Frau bin? 

Ich würde, ehrlich gesagt, mit keinem Mann tauschen wollen, weil ich nicht finde, dass sie es besser haben als wir Frauen. Dennoch ärgere ich mich darüber, dass Männer besser verdienen als Frauen in der gleichen Position. Ich wünsche mir eine Welt, in der wir Frauen nicht empowern und Männer sensibilisieren müssen, in der wir nicht aufgrund unseres Geschlechts, sondern wegen uns als Individuum gleichberechtigt werden

 Wenn ein Teenager Baggerführer werden will, weil er oder sie gern an großen Maschinen arbeitet, soll er diese Möglichkeit bekommen, egal ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich stelle mir eine Welt vor, in der es keine Frauenquote geben muss, weil sie überflüssig ist. Weil jeder nach seinem Talent und seiner Begabung arbeiten und sein darf.

Die Frage ist nicht: Wie können Frauen gleichbehandelt werden? Sondern: Welche Voraussetzungen muss eine Gesellschaft schaffen, damit eine Frau sowohl Kinder bekommen als auch die berufliche Selbstverwirklichung finden kann? Wie muss unser Zusammenleben sein, dass sich auch Frauen und Männer ohne Kinderwunsch oder Familie vollwertig und aufgenommen fühlen?

Dass die Elternzeit mittlerweile auch für Männer in vollem Umfang zu genießen ist, empfinde ich als große Errungenschaft. Nicht, damit Frauen schnellstmöglich wieder in den Job einsteigen können, sondern weil Männer, die den Wunsch verspüren, eine eigene, intensive Bindung zu ihren Kindern aufzubauen, diesem endlich entsprechen können. Auch wenn die soziale Anerkennung vor allem in der älteren Generation noch fehlt, glaube ich, dass diese Entwicklung in die richtige Richtung geht. 

Auch beim Vergleich von Männern mit Frauen vergleichen wir Äpfel mit Birnen. Beide haben andere Voraussetzungen und können nicht in einem eins zu eins Verhältnis miteinander verglichen werden.

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Der Vergleich mit dem „man“ suggeriert darüber hinaus, es gäbe „richtiges“ und „falsches“ Verhalten. Er trägt eine Bewertung in sich. Da das besagte „man“ aber nicht real greifbar ist, bin ich davon abgekommen, Verhalten in richtig oder falsch einzuteilen.

Wenn du dich mit anderen vergleichst dann machst du dich unglücklich. Vergleichen ist ein Nährboden für Minderwertigkeitsgefühle und Depressionen. Mehr dazu erfährst du in diesem Beitrag der Serie Die 33 Saboteure des Glücks.

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