Helfersyndrom - wenn Helfen zur Sucht wird

Woran erkennt man ein Helfersyndrom? Welche Folgen hat das Helfersyndrom und was kann man tun wenn man darunter leidet?

Helfersyndrom - wenn Helfen zur Sucht wird
© Hanna Busing, unsplash.com

Was versteht man unter einem Helfersyndrom?

Der Begriff Helfersyndrom wurde von Wolfgang Schmidbauer eingeführt. Die Merkmale des Helfersyndroms sind: Betroffene

  • haben ein geringes Selbstwertgefühl.
  • beziehen ihr Selbstwertgefühl daraus, anderen zu helfen.
  • berücksichtigen manchmal die Wünsche desjenigen, dem sie helfen wollen, nicht, sondern drängen ihre Hilfe auf.
  • lehnen Unterstützung bei der Hilfe durch andere ab.
  • übersehen eigene körperliche Grenzen.
  • vernachlässigen eigene Bedürfnisse und Wünsche.
  • erwarten von den Menschen, denen sie helfen, Dankbarkeit und Anerkennung.

Wie entsteht das Helfersyndrom?

Betroffene lernen in der Kindheit, sich von der Anerkennung durch andere abhängig zu machen. Sie halten sich nur dann für liebenswert und wertvoll, wenn andere ihnen dankbar sind und sie für diese wichtig sind. Sie fühlen sich in der Rolle des Märtyrers wohl, der sich für andere aufopfert. Sie glauben, sonst nichts zu besitzen, als besonders leidensfähig und aufopferungsvoll zu sein.

Es ist ihr Weg, sich aufzuwerten und als etwas Besonderes zu sehen.

Eltern, die ihren Kindern die Schuld an ihren Gefühlen geben ("Wegen dir ist Mama traurig; du bist schuld an Mamas Kopfschmerzen"), vermitteln ihren Kindern die Botschaft: "Du musst die Verantwortung für die Gefühle anderer übernehmen". Betroffene denken häufig nur in einer Alles-oder-Nichts-Schiene: Entweder ich bin ein guter Mensch und bin immer hilfsbereit oder ich bin egoistisch, berücksichtige meine Bedürfnisse und bin ein schlechter Mensch.

Wie ein Helfersyndrom erkennen? Die Folgen eines Helfersyndroms

  • Die Bilanz zwischen Geben und Nehmen stimmt nicht. Wir geben mehr, als wir bekommen.
  • Wir hören nicht (mehr) auf die Bedürfnisse des Hilfsbedürftigen, sondern helfen ungefragt.
  • Wir wissen besser über die Bedürfnisse und Wünsche des anderen Bescheid als über unsere eigenen Bedürfnisse.
  • Wir sind erschöpft und ausgelaugt, da wir uns überfordern.
  • Wir sind depressiv.
  • Wir haben keine eigenen Wünsche und Ziele mehr.
  • Wir lehnen jede Unterstützung durch andere ab.
  • Wir nehmen Medikamente oder Suchtmittel, um der Belastung standzuhalten.

 

Die Folgen des Helfersyndroms und der Selbstaufopferung können Burnout, Depressionen, psychosomatische Erkrankungen sein. Besonders häufig findet man das Helfersyndrom in der Altenpflege bzw. in helfenden und heilenden Berufen.

Ist Helfen etwas Schlechtes?

Nein, natürlich nicht. Wenn wir Menschen helfen, die Unterstützung benötigen, dann ist dies generell eine gute Tat.

Zum Helfen gehört meist auch, dass wir dem Hilfsbedürftigen zuliebe eigene Interessen momentan zurückstellen.

Das ist in Ordnung.

Kritisch wird es, wenn wir uns und unsere seelischen und körperlichen Bedürfnisse völlig unterordnen und die Interessen des Hilfsbedürftigen ignorieren, indem wir ihm unsere Hilfe aufzwängen, obwohl er diese nicht möchte oder nicht in dem Umfang braucht, wie wir ihm diese angedeien lassen, wir ihn also überbehüten.

Was tun, wenn man unter einem Helfersyndrom leidet?

  • Sich aus dem Helfersyndrom zu befreien ist nicht einfach. Der erste Schritt besteht darin, zu erkennen und zu akzeptieren, dass sich hinter der Hilfsbereitschaft ein "eigennütziges" Motiv verbirgt.
    Das Helfen ist nur Mittel zum Zweck. Wir wollen uns wichtig und gebraucht fühlen und durch unsere Hilfe unser Selbstwertgefühl stärken. Wir brauchen vielleicht den Hilfsbedürftigen mehr, als dieser uns braucht. Sich dies einzugestehen, schmerzt und fällt deshalb nicht leicht.
  • Wenn wir akzeptieren, dass hinter unserer Hilfsbereitschaft in erster Linie eigene Interessen und Bedürfnisse stehen, dann gilt es herauszufinden, wie wir das Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung auf anderem Wege als durch Helfen erfüllen können.
    Oder wie wir lernen können, unser Selbstwertgefühl zu stärken, um so weniger von der Anerkennung anderer abhängig zu sein.
  • Häufig ist zusätzlich eine psychotherapeutische Behandlung notwendig. Wir müssen z.B. herausfinden: "Wer bin ich, wenn ich nicht in der Rolle des Helfers bin?" und "Welche Wünsche habe ich für MEIN Leben?"
  • Ziel bei der Überwindung des Helfersyndroms und in einer Psychotherapie ist, dass wir lernen, uns wertvoll zu fühlen, ohne etwas für andere tun zu müssen, d.h. ohne anderen zu helfen.
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Sonderegger schreibt am 17.09.2022

Guten Abend

Gut bin ich auf dieses Thema gekommen. Helfersyndrom. Ich ärgere mich ab meiner Nachbarin. Jedes Mal, wenn sie mir begegnet sagt sie mir: "Gell sagst es, wenn du Hilfe brauchst. " oder sie beurteilt mein Aussehen. "Siehst gut aus heute." Und sie lässt nicht locker.
Sie ist Altenpflegerin. Ich wohne per Zufall im Haus nebenan. Ich habe graue Haaaaare. Uiuiui. Ich treibe mit Sicherheit viel mehr Sport als diese Frau. Sie nervt. mich gewaltig. Ich habe mich überwunden, sie schriftlich zu bitten, damit aufzuhören. Ich habe sie auf das Helfersyndrom aufmerksam gemacht. Dann wäre ich eh nicht die richtige Person. Sie kommt immer abgearbeitet daher. Aber sie erinnert mich sofort, sie wäre für mich da, wenn ich sie bräuchte. Sicher schon 100 Mal. Jetzt kann ich gerade nicht schlafen, weil ich mich nur noch ärgere.
Jetzt hoffe ich, dass sie das schriftlich versteht. Sagen nutzt leider nichts.
Danke für Ihre Beiträge. --Ich kann von ihr Fordern damit aufzuhören.
Freundliche Grüsse Elsbeth Sonderegger


Alex v schreibt am 17.07.2021

Es hat mir sehr geholfen an meinen eigenen Schwächen zu arbeiten und etwas zu ändern


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Inhalt des Beitrags 
 Was versteht man unter einem Helfersyndrom?  
 Wie entsteht das Helfersyndrom?  
 Wie ein Helfersyndrom erkennen? Die Folgen eines Helfersyndroms  
 Ist Helfen etwas Schlechtes?  
 Was tun, wenn man unter einem Helfersyndrom leidet?  
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