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Loslassen können lernen

von Dr. Doris Wolf, Psychotherapeutin

Vielleicht haben Sie auch von Freunden schon einmal den klugen Ratschlag bekommen „Du musst loslassen“ oder „Lass doch endlich los.“ Nun, Recht haben sie, Ihre Freunde. Es stellt sich nur die Frage: Was ist loslassen und wie macht man das?

Haben Sie schon einmal einen Hund beobachtet, wie er sich in ein Stöckchen verbissen hat, das sein Herrchen ihm abnehmen wollte? Immer wieder hat sein Herrchen auf ihn eingeredet: „Aus! Lass los“ und der Hund hat sich nicht oder nur zögerlich von seinem Stöckchen getrennt.

Ähnlich kann es uns Menschen gehen. Auch wir können uns sozusagen in etwas verbeißen - beispielsweise in ein schmerzliches oder kränkendes Erlebnis oder eine für uns krankmachende Situation. Wir können diese Sache oder die Vergangenheit nicht loslassen und auf sich beruhen lassen.

Deshalb wollen wir uns hier damit befassen, was loslassen können bedeutet, was beim Loslassen passiert und wie wir lernen können, loszulassen.

Was passiert, wenn wir nicht loslassen können?

Nicht Loslassen bedeutet, dass wir in einer Situation verharren, die unserer seelischen und/oder körperlichen Gesundheit schadet und/oder uns daran hindert, unsere Fähigkeiten auszuschöpfen.

Wir verharren z.B.

  • in der Trauer um den verstorbenen Partner,
  • in der Verzweiflung wegen unseres Partners, der uns verlassen hat,
  • in Schuldgefühlen wegen eines Fehlers, den wir uns vorwerfen,
  • in den Gefühlen des Verletzseins, die wir einem anderen vorwerfen,
  • in Forderungen anderen gegenüber, die sich nicht ändern,
  • in Hadern um nicht wahrgenommene Chancen,
  • im Hadern, dass die Welt ungerecht ist,
  • im Hadern wegen einer Erkrankung
  • in krankmachenden Verhaltensmustern wie etwa, dass wir uns aufopfern, kleinmachen oder zu Suchtmitteln greifen.
  • in einer Partnerschaft, in der unser Partner uns z.B. schlägt, missachtet oder tyrannisiert.
  • an einem Arbeitsplatz, an dem es Intrigen gibt, oder an dem wir unter- oder überfordert sind,
  • in einer Wohnung umgeben von schikanierenden Nachbarn.

Symptome des Nicht-Loslassen-Könnens sind z.B.: Anspannung, psychosomatische Beschwerden, Schlafstörungen, Konzentrations-, Merkfähigkeitsstörungen, Suchtverhalten, Gedankenkreisen, Verleugnen der krankmachenden Gedanken- und Verhaltensmuster, Panikattacken, Wut- und Hassgefühle, Depressionen, Selbstablehnung

Was bedeutet Loslassen?

Loslassen können ist eine Form der Anpassung an ein Ereignis oder eine Situation. Wir akzeptieren, dass uns etwas widerfahren ist, das unseren Wünschen widerspricht. Das können kleine Ereignisse wie z.B. eine Kränkung, ein Fehler oder die Nichterfüllung eines Zieles sein. Loslassen kann auch beinhalten, dass wir Abschied nehmen von großen Lebensplänen. Trennung, Tod, Krankheit, Älterwerden oder ein Unfall können uns zu einer Veränderung des bisherigen Lebens zwingen.

Loslassen kann aber auch bedeuten, dass wir uns aus einer uns schädigenden Situation befreien. Wir können zu der Entscheidung kommen, loszulassen - wenn wir z.B. feststellen, dass das bisherige Leben nicht (mehr) unsere Bedürfnisse befriedigt.

Was passiert beim Loslassen?

Loslassen können ist eine reine „Kopf-Sache“. Wenn wir loslassen, entscheiden wir uns, unseren Blick weg von der uns belastenden Situation nach vorne zu richten.

Wir starten dabei mit den unterschiedlichsten Gefühlen wie etwa Verzweiflung, Trauer, Kränkung, Angst, Wut oder Eifersucht. Unsere gesamte Aufmerksamkeit galt bisher diesem belastenden Ereignis. Indem wir uns damit befassten, erlebten wir immer wieder dieselben negativen Gefühle. Unsere Gedanken kreisten wie ein Karussell: „Warum musste mir das passieren?“ „Wieso hat er mir das angetan „Warum habe ich mich so verhalten!“ „Warum ist das Schicksal so ungerecht!“ „Ich schaffe es nicht, mich aus der Situation zu befreien.“

Nun ist der Punkt  gekommen, an dem wir merken, dass wir so nicht mehr weiterleben möchten und können.

  • Wir machen uns bereit, die Vergangenheit zu akzeptieren. Wir entwickeln die Einstellung: „Ich bin bereit, zu akzeptieren, was passiert ist. Mir gefällt es nicht, aber es ist passiert.“
  • Wir machen uns bereit, zu erkennen, dass die momentane Situation uns körperlich und seelisch schadet und suchen nach einer Lösung.
  • Wir haben das Vertrauen, dass es eine Lösung gibt und wir es schaffen werden, unsere Situation zu verändern.

Welche Einstellungen sind hilfreich, um loslassen zu können?

Der Prozess des Loslassens beginnt in unserem Kopf. Wenn wir nicht loslassen, ist das so, als würden wir ein Seil um einen dicken Baumstamm legen und versuchen, den Baum durch heftiges Ziehen von der Stelle zu bewegen. Ein aussichtloser Kampf.

Um mit dem aussichtslosen Ringen aufhören zu können, hilft Ihnen

  • die Bereitschaft, zu akzeptieren, dass die Dinge nicht immer so laufen, wie Sie es gerne hätten.
  • die Bereitschaft zu akzeptieren, dass die Welt nicht immer gerecht ist.
  • die Bereitschaft, zu akzeptieren, dass Sie nicht immer alles richtig machen werden.
  • die Bereitschaft, zu akzeptieren, dass andere Menschen sich nicht immer so verhalten, wie Sie es sich wünschen.
  • die Erkenntnis, dass Loslassen weder gutheißen, noch kapitulieren bedeutet.
  • das Bewusstsein, dass Sie es verdient haben, dass es Ihnen gut geht.
  • das Wissen, dass Sie Ihre Gefühle beeinflussen und steuern können.

Loslassen lernen - wie macht man das?

  • Machen Sie sich bewusst, dass Sie einen Einfluss auf Ihre Gefühle haben. Sie entstehen durch Ihre Gedanken. Sie haben also die Macht, Ihre Gefühle zu beeinflussen, in dem Sie anders denken und sich verhalten.
  • Im Grunde genommen beginnt das Loslassen mit einem einzigen Satz: „Ich bin bereit, loszulassen".
  • Wann immer Sie an das denken, was Sie loslassen möchten, unterbrechen Sie Ihre Gedanken mit einem STOPP und halten sich obigen Satz vor Augen. Sie werden in der ersten Zeit den Eindruck haben, sich zu belügen. Mit zunehmender Übung werden Sie aber beginnen, ihm Glauben zu schenken.

  • Machen Sie eine Gewinn-Verlust-Rechnung auf: Was gewinnen Sie, wenn Sie loslassen? Was verlieren Sie, wenn Sie loslassen? Oder anders herum: Was verlieren Sie, wenn Sie nicht loslassen, was gewinnen Sie, wenn Sie nicht loslassen? Die Beantwortung dieser Fragen motiviert Sie einerseits, loszulassen und zeigt Ihnen andererseits, welche Ängste und Befürchtungen Sie haben, wenn Sie loslassen.
  • Stellen Sie sich Ihrer Angst, loszulassen. Überprüfen Sie, ob Ihre Angst realistisch, begründet oder übertrieben ist. Häufig erzählen wir uns nämlich, dass wir zu etwas unfähig sind oder sich Katastrophen ereignen werden, obwohl dies überhaupt nicht der Fall ist. Nur, indem wir unsere Angst genauer anschauen, stellen wir fest, ob diese begründet ist.
  • Suchen Sie nach Menschen, die eine solche Situation bereits erfolgreich bewältigt haben. Fragen Sie nach, wie diese es geschafft haben, und lassen Sie sich Mut machen. Auch Berichte von Betroffenen in Büchern können hilfreich sein.
  • Meiden Sie Menschen, die ähnlich wie Sie in einer solchen krankmachenden Situation verharren und nicht loslassen können.
  • Vermeiden Sie Selbstvorwürfe, so lange an etwas festgehalten zu haben und erst jetzt aus der Situation auszubrechen. Sie haben aufgrund Ihrer Lebensgeschichte solange gebraucht, um diese Erkenntnis zuzulassen.
  • Holen Sie sich therapeutische Unterstützung, wenn Sie merken, etwas läuft verkehrt in Ihrem Leben, Sie aber nicht wissen, wie Sie aus der Situation kommen können.

Beachten Sie bitte:

Beim Loslassen wird es zunächst so sein, dass Sie sich schlecht fühlen, denn Sie verlieren etwas, das Sie bisher geglaubt haben, unbedingt zu benötigen oder tun zu müssen. Es entsteht eine Lücke. Ersatz ist noch nicht in Sicht.

Wenn Sie das Loslassen durchhalten, werden Sie langfristig viel gewinnen, etwa Freiheit, Erleichterung, Energie, Lebensfreude.

Am Ende des Prozesses des Loslassens kommen Sie dann vermutlich zu dem Schluss "Das hätte ich schon viel früher machen sollen!"

gefühle

© 2010-2012 Dr. Doris Wolf & Dr. Rolf Merkle - Loslassen schmerzlicher Erlebnisse - Loslassen lernen - Loslassen können
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