Wie kannst du dich aus der Vergleichsfalle befreien?

Vergleiche passieren überall und immer. Das ist ganz natürlich und unumgänglich. Jedoch geraten manche Menschen in eine Vergleichsfalle. Wie man diese umgehen kann will ich dir in diesem Beitrag zeigen.

Wie kannst du dich aus der Vergleichsfalle befreien?
© Alex Eckermann, unsplash.com

Wir vergleichen uns bewusst und unbewusst. Deswegen ist es auch nicht sinnvoll, jemandem zu raten: „Hör auf, dich zu vergleichen!“ Sein Gehirn wird es tun, auch ohne, dass er oder sie es möchte. Natürlich wäre es wunderbar, wenn wir alle ab dem heutigen Tag einfach damit aufhören würden, auf den Teller eines anderen zu schielen oder sich mit Unerreichbarem zu vergleichen. Jeder tut es – aber nicht alle leiden darunter.

Egal ob mit einem Prominenten, dem Vorgesetzten, der Nachbarin, dem eigenen Bruder oder sogar dem Lebensgefährten: Wir vergleichen uns immer und sind gewohnt, verglichen zu werden. Schon wenn wir ein kurzes Gespräch mit jemandem führen, überprüfen wir unbewusst: Wie ist er oder sie im Vergleich zu uns? Dieser Prozess ist so verinnerlicht, dass er uns nicht mehr auffällt.

Vergleiche mit positiver Auswirkung auf unsere Gefühlslage fördern unser Wachstum, stärken uns und helfen, uns in der Welt zurechtzufinden. Vergleiche mit negativen Folgen für unseren Selbstwert hemmen indes und dienen oft als Beweis unserer eigenen Unzulänglichkeit. Sie schwächen, machen klein und hindern unser Wachstum oder sorgen für unverhältnismäßige Ziele, die wir uns setzen. Oder sie verhindern, dass wir uns weiterentwickeln: Wir stagnieren und bleiben, wie wir sind.

Dabei ist es weniger wichtig, ob die Vergleiche nach oben oder nach unten gezogen werden. Wichtig für uns ist, welche Auswirkung sie auf unser Seelenleben haben. Natürlich wäre es schön, wenn wir unserem Gehirn verordnen würden, ab heute nur noch Vergleiche anzustellen, die für ein gutes Gefühl bei uns sorgen. Wie du mittlerweile weißt, ist das nur sehr schwer möglich, denn die grauen Zellen in unserem Kopf führen wahrlich ein Eigenleben. Dennoch bist du deinem Geist nicht Untertan. Du kannst, wenn du es willst, eine Veränderung in Gang setzen.

Ich möchte dich in den kommenden Kapiteln dazu einladen, die negativen Vergleiche hinter dir zu lassen. Da das Vergleichen oft unbewusst stattfindet, ist es zunächst wichtig, wahrzunehmen, wo du stehst. Wenn du ein Bild davon hast, wann, wieviel und womit du dich besonders vergleichst, kannst du etwas verändern. Für diese Wahrnehmung braucht es aber zunächst eine Bestandsaufnahme.

Neben der Übung findest du im Anhang auch ein Tagebuch des Vergleiches. Es hilft dir, die genauen Arten deiner Vergleiche und die Kategorien, in denen du dich vergleichst, herauszufinden. Ich möchte dich in diesem Fall darum bitten, dir über mehrere Tage oder Wochen am Abend ein paar Minuten Zeit zu nehmen und das Tagebuch des Vergleichens auszufüllen. Denn häufig vergleichen wir uns unbewusst und bemerken erst später, wie viel wir uns verglichen haben und dass wir es überhaupt tun.

Übung

Beantworte dir folgende Fragen spontan und aus dem Bauch heraus:

  • Vergleichst du dich eher viel oder wenig? 
  • Mit wem vergleichst du dich?
  • In welchen Situationen vergleichst du dich?
  • In welche Richtung vergleichst du dich meistens?
  • Wie fühlst du dich nach den meisten Vergleichen?
  • Was wäre dein Wunschzustand?
  • Angenommen, du wärst das Maß aller Dinge und würdest dich nicht mehr vergleichen, sondern dich auf dich selbst verlassen: Wie wäre das für dich?
  • Was bräuchtest du dazu? 

Wo kommen die Vergleiche her?

Hast du dir schon mal überlegt, wann du dich vergleichst oder verglichen wirst? Ich lade dich dazu ein, auf eine Reise von deiner Kindheit bis heute über die wichtigsten Stationen deines Lebens zu gehen und genau hinzusehen. 

Beginne mit deiner Kindheit. Wie war es bei dir? Wie sind deine Eltern mit Vergleichen umgegangen? Was haben sie zu dir gesagt? Wenn du Geschwister hast, überlege, wie es mit deinen Geschwistern war. Haben deine Eltern dich mit ihnen verglichen? Hast du dich selbst verglichen, oder sie sich mit dir? In welchen Bereichen habt ihr euch verglichen?

Dann denke an deine Schulzeit. Wie war es da mit den Freunden? Was verbindest du mit dem Thema Noten? Hast du dich mit anderen verglichen? Hast du dich gut gefühlt, deinen Eltern, deinen Freunden und den Lehrern gegenüber? 

Auch deiner Berufsausbildung oder deinem ersten Job darfst du einen mentalen Besuch abstatten. Hast du dich mit Kollegen verglichen? In welchen Bereichen? Waren es fachliche oder persönliche Vergleiche? Untersuche auch deine Beziehungen und Freundschaften. Hast du dich schon einmal mit deinem Partner oder Freunden verglichen? Wenn ja, auf welchem Gebiet – und warum? Was war das Ergebnis?

Zuletzt möchte ich dich darum bitten, darüber nachzudenken, ob du dich schon einmal mit einer bekannten Person aus dem Fernsehen oder der Öffentlichkeit verglichen hast. Wie hast du dich dabei gefühlt? Besser oder schlechter? In Bezug worauf hast du dich verglichen?

Sicher hast du festgestellt, dass auch du dich in deinem Leben schon einmal bewusst oder unbewusst mit jemandem verglichen hast. Ich möchte dich nun darum bitten, deine Vergleiche bestimmten Themen zuzuordnen und sie damit zu clustern. Geh durch alle Beispiele, die du aufgeschrieben hast, durch, und markiere die Themen farbig. Zum Beispiel: rot für Aussehen und Körper, grün für Leistung, blau für Persönlichkeit, gelb für Sportlichkeit und so weiter.

Wie sieht dein Bild nun aus? Ist es kunterbunt oder herrscht eine Farbe vor? Was denkst du, wieso stellst du dich vor allem in Bezug auf die eine dominierende Farbe immer wieder in Vergleich zu anderen? 

In Zukunft kannst du dir vornehmen, auf diese Vergleiche besonders zu achten. Der erste Schritt zur Veränderung ist die Wahrnehmung. Bau dir in deiner Vorstellung eine Warnleuchte ein, die dich in dem Thema, indem du dich besonders gern oder häufig vergleichst, aufmerksam macht. Ich wünsche mir für dich, dass dir zukünftig auffällt, wenn du dich vergleichst, und du dir über dein Verhalten bewusst wirst. 

Im nächsten Schritt kannst du dir überlegen, ob du aus dem Vergleich aussteigen und dich statt auf den anderen, auf dich selbst konzentrierst möchtest. Denn auch, wenn der Vergleich eine unbewusste Reaktion deines Körpers ist: Vor allem ungesunden, hemmenden Vergleichen kannst du zuvorkommen. Es ist vielleicht nicht möglich, den vergleichenden Reflex zu unterbinden – aber du selbst hast in der Hand, wie viel Macht du deinen Gedanken verleihst.

Gehe die einzelnen Stationen deines bisherigen Lebens systematisch durch und überlege dir, wo du dich verglichen, dir etwas abgeschaut oder bewundert hast. 

Beginne in deiner Kindheit mit der Beziehung zu deinen Eltern oder Erziehungsberechtigten, Geschwistern, Großeltern, Familienmitgliedern und engen Bekannten. Wem hast du nachgeeifert? Wen besonders bewundert? Was hast du übernommen? Welche Verhaltensweisen, welche Werte? Hast du dich dabei noch selbst gespürt? Oder war der andere viel größer, wichtiger und wertvoller als du?

Durchlaufe dieselben Fragen für deine Schulzeit. Hier kommen Lehrer, Mitschüler und Freunde dazu.  Wenn du Hobbys ausgeübt hast, stelle dieselben Frage wie oben und notiere die wichtigsten Erlebnisse deines Vergleichsverhaltens. 

Wiederhole das Ganze für die Zeit nach der Schule, die Zeit deiner Berufsausbildung, Familiengründung, Partnerschaften und Freundschaften bis zum jetzigen Zeitpunkt. Nun hast du einen Überblick deiner Vergleichshistorie. Vielleicht kannst du ein Muster feststellen, in welchen Zeiten oder Situationen du dich besonders viel verglichen hast?

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Der Vergleich mit dem „man“ suggeriert darüber hinaus, es gäbe „richtiges“ und „falsches“ Verhalten. Er trägt eine Bewertung in sich. Da das besagte „man“ aber nicht real greifbar ist, bin ich davon abgekommen, Verhalten in richtig oder falsch einzuteilen.

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