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Viele Menschen verbringen ihr ganzes Leben mit Gedanken an die Zukunft oder die Vergangenheit. Ein sehr beliebtes Spiel vieler Erwachsener ist das „Wenn ... dann ... -Spiel“. Das geht so:
Der kleine Junge in der Schule sagt zu sich: „Wenn ich erst mal groß und von dieser verfluchten Penne herunter bin, dann wird es mir gut gehen.“
Etwas älter sagt der junge Mann zu sich: „Wenn ich erst einmal verheiratet bin, dann werde ich glücklich sein und dann werde ich dieses und jenes tun.“
Dann sagt das junge Paar: „Wenn wir unser erstes Kind haben, dann werden wir glücklich sein und unser Leben wird schön.“ Dann sagt das Paar: „Wenn unsere Kinder erst mal aus der Schule sind und auf eigenen Beinen stehen, dann genießen wir unser Leben.“
Dann stellt sich heraus: Die Ehe war nicht so gut und man sagt sich: „Wenn ich erst einmal aus dieser Beziehung raus bin, dann wird alles anders. Dann werde ich mein Leben genießen.“
Dann sagt man: „Wenn ich erst mal befördert bin, alles, was ich noch will, ist diese eine Beförderung, dann werde ich zufrieden sein.“ Schließlich sagt man: „Wenn ich erst mal in Rente bin, dann werde ich mein Leben genießen. Dann werde ich all die Dinge nachholen, auf die ich bisher verzichtet habe.“
Dann auf dem Sterbebett stellt man fest: „Mein Gott, ich habe vergessen, zu leben. Ich habe vergessen, mein Leben zu genießen und es wirklich zu leben, während es noch da war.“
Ein 85-jähriger Mann, der auf dem Sterbebett lag und der wusste, dass er bald sterben würde, sagte:
„Wenn ich noch einmal zu leben hätte,
dann würde ich mehr Fehler machen; ich würde versuchen, nicht so schrecklich perfekt sein zu wollen
dann würde ich mich mehr entspannen und vieles nicht mehr so ernst nehmen
dann wäre ich ausgelassener und verrückter; ich würde mir nicht mehr so viele Sorgen machen um mein Ansehen
dann würde ich mehr reisen, mehr Berge besteigen, mehr Flüsse durchschwimmen und mehr Sonnenuntergänge beobachten
dann würde ich mehr Eiscreme essen
dann hätte ich mehr wirkliche Schwierigkeiten als nur eingebildete
dann würde ich früher im Frühjahr und später im Herbst barfuß gehen
dann würde ich mehr Blumen riechen, mehr Kinder umarmen und mehr Menschen sagen, dass ich sie liebe.
Wenn ich noch einmal zu leben hätte, aber ich habe es nicht ...“
Das Wichtigste am Leben ist das Leben. Was für einen Sinn sonst hat das Leben? Der Sinn des Lebens ist nicht, nur zu arbeiten und irgendwelchen Äußerlichkeiten wie Geld, Prestige und Erfolg nachzujagen. Der Sinn des Lebens ist es, so sehe ich es in jedem Augenblick, so zufrieden zu leben wie möglich. Wenn wir es aufschieben, dann verschenken wir es.
Wenn wir nur in der Zukunft leben, dann können wir keine Befriedigung in unserem Leben erfahren. In dem Moment nämlich, in dem das eintritt, was wir uns so sehr gewünscht haben, kommt die große Enttäuschung. Das, von dem wir uns so viel erhofft haben, ist dann nicht so toll, wie wir es uns vorgestellt haben. Es gibt einem nicht die dauerhafte Befriedigung, die große Erfüllung. Man ist enttäuscht und das umso mehr, als man ja die ganze Zeit bis zur Erreichung seines Zieles nicht wirklich gelebt hat. Man hat vielleicht auf vieles verzichtet, hat eigene Bedürfnisse und Wünsche zurückgestellt.
Und wie geht man mit der Enttäuschung um? Man ist deprimiert und dann fängt man von Neuem an, in der Zukunft zu leben und zu hoffen, dass alles anders werden wird, wenn dieses oder jenes eintritt. Viele Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, sich in diesem Kreis zu drehen.
Hinzukommt, dass wir oftmals nach vielen „wenns“ und „danns“ feststellen, dass wir im Grunde genommen früher glücklicher waren, als wir dieses oder jenes noch nicht hatten. Wir glauben auf einmal, glücklicher gewesen zu sein, als wir noch nicht verheiratet waren, als wir noch keine Kinder hatten, als wir noch nicht in Rente waren, als wir beruflich noch nicht so erfolgreich waren, usw.
Erst können wir es nicht erwarten, dass der morgige Tag anbricht und uns das Ersehnte bringt, dann hängen wir auch schon wieder der Vergangenheit nach und stellen fest, dass sie im Grunde genommen doch nicht so schlecht war, wie wir dachten.
Wenn wir das Leben aufschieben oder Vergangenem nachtrauern, dann können wir nicht wirklich zufrieden sein.
Glücklichsein ist immer nur gegenwärtig. Für das Glück gibt es keinen morgigen und auch keinen gestrigen Tag, sondern nur den Augenblick.
Goethe sagte: „Jeder Tag, jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant der Ewigkeit.“
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Im Hier und Heute leben - Teil 2
© 2003-2010 Dr. Doris Wolf & Dr. Rolf Merkle - Im Hier und Heute leben
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