Gemeinschaften fördern die Gesundheit: Warum uns Gruppen guttun und die Psyche stärken

Gruppenzugehörigkeit und ein tiefes Gemeinschaftsgefühl können die Lebenserwartung steigern. Wieso ist uns das aber so selten bewusst? Und wie können wir von Gemeinschaft profitieren?

Gemeinschaften fördern die Gesundheit: Warum uns Gruppen guttun und die Psyche stärken
© Vonecia Carswell, unsplash.com

Welche Faktoren haben den größten Einfluss auf unsere Lebenserwartung? Was meinst du? Eine gesunde Lebensweise mit viel Bewegung, Sport, gesunder Ernährung, kein Übergewicht, nicht rauchen? Alles richtig, aber diese Faktoren sind nicht auf den ersten Plätzen der Top 10 zur Erreichung eines hohen und glücklichen Alters. Laut einer Meta-Studie australischer Wissenschaftler:innen belegen die ersten beiden Plätze:

  1. Unterstützung durch andere erfahren und
  2. In Gemeinschaften eingebunden sein.

Die wenigsten von uns werden mit diesem Ergebnis gerechnet haben. Klar, wir wissen um den Wert von sozialen Beziehungen. Wir schätzen funktionierende Partnerschaften und Freundschaften, aber Gruppenaktivitäten? Sind die Laufgruppe, das Orchester oder der Literaturkreis wirklich so wichtig für unsere Gesundheit? Offenbar ja, aber oft unterschätzen wird das heilsame Zusammensein in Gruppen – egal ob in der Freizeit oder am Arbeitsplatz. Wir sind eben doch sehr ich-fokussiert und nehmen uns in erster Linie als Individualist:innen wahr.

Gemeinschaft und Gruppen – der Mensch ist ein soziales Wesen

Das war nicht immer so, denn für unsere Vorfahren war das Leben in der Sippe, der Gemeinschaft überlebenswichtig. Einzelkämpfer hatten keine Chance. Und das evolutionäre Erbe tragen wir immer noch in uns: Wir Menschen sind soziale Wesen, Herdentiere, die soziale Kontakte und Gemeinschaften auch heute noch benötigen, um gesund zu bleiben. Oft bemerken wir den Wert, in einer Gemeinschaft eingebunden zu sein, erst, wenn wir es nicht mehr sind, wenn wir aus einer Gruppe ausgegrenzt werden und Einsamkeit erfahren. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Einsamkeit einer der bedeutendsten Faktoren ist, um Menschen krank zu machen und die Lebenserwartung zu senken. Wenn unser Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe und Kontakten nicht erfüllt wird, reagiert der Körper mit Stress, schüttet vermehrt Kortisol aus und reagiert mit typischen stressbedingten Symptomen wie Bluthochdruck, erhöhtem Blutzuckerspiegel oder einem schlechteren Immunsystem.

Positive Auswirkungen von Gruppen und Gemeinschaften auf unsere Psyche

Aber nicht nur körperliche Folgen spüren wir bei einem Mangel an sozialen Kontakten und gemeinschaftlichen Aktivitäten, auch unsere Psyche reagiert auf unser Eingebundensein in Gemeinschaften und Gruppen. Im negativen wie im positiven Sinn.
So zeigen etliche Studien die Zusammenhänge von Depressionen und Einsamkeit bzw. Gemeinschaft. Viele Menschen waren bereits vor ihrer depressiven Erkrankung einsam und mieden den Kontakt zu anderen Menschen. Der soziale Rückzug ist also nicht nur ein Symptom einer Depression, sondern kann sie auch begünstigen. Wer allerdings in eine feste Gemeinschaft wie einen Chor oder einen Sportverein eingebunden war, hatte ein geringeres Risiko, eine Depression zu entwickeln. Und auch depressive Menschen, die sich während oder nach der Krankheit in eine Gruppe integrierten, senkten ihr Risiko für einen Rückfall von 41 auf 31 Prozent. Bei mehreren Gruppenaktivitäten sank das Risiko sogar noch stärker.

Auch in Bezug auf den Alterungsprozess konnten positive Auswirkungen nachgewiesen werden. Senior:innen, die in Gruppen und Gemeinschaften, wie Sprachgruppen, Gymnastik- oder Kreativgruppen aktiv waren, zeigten in Gedächtnistests langfristig stabilere Ergebnisse. Allein Kontakte zu nahen (auch jüngeren) Verwandten oder einzelnen Freund:innen hatten diese positiven kognitiven Effekte nicht. Denn so wohltuend singuläre Beziehungen zu Freunden und Partner:innen sind, bieten Gemeinschaften noch mehr, denn sie sind oft mehr als die Summe ihrer Teilnehmer. Das viel beschworene Wir-Gefühl, gemeinsame Überzeugungen und Verhaltensmuster können stark zusammenschweißen.

Warum bereichern Gemeinschaften unser Leben?

Warum ist das Gemeinschaftsgefühl so wohltuend und stärkend? Verschiedene Faktoren lassen uns von Gruppen und Gemeinschaften profitieren:

1. Wir ändern unser Verhalten in Gruppen zum Positiven:

Eine schottische Studie zeigte, dass Menschen, die sich in Gruppen engagierten auch gesünder lebten, also weniger rauchten, sich gesünder ernährten, weniger Alkohol tranken und mehr Sport trieben. Die Forschenden führten das auf drei Faktoren zurück:

  • Normen, die in den Gruppen gelten (z.B. ist Rauchen im Sportverein oder in der Krabbelgruppe nicht gern gesehen)
  • Freude an und Identifikation mit der Gruppe führen zu weniger frustrierten Handlungen wie z.B. übermäßigem Alkoholkonsum
  • Starkes Wir-Gefühl schafft Motivation, sich für Gruppe einzusetzen und sie nicht im Stich zu lassen, z.B. durch Verletzungsausfall im Sportverein

2. Unser Kohärenzsinn wird in Gemeinschaften gestärkt:

Wenn wir mit Menschen zusammen sind, die ähnliche Interessen haben wie wir und die gleichen Ziele verfolgen, fühlen wir uns aufgehoben. Wir finden in der Gruppe Sicherheit und Geborgenheit, können Unterstützung erwarten. Wir fühlen uns verbunden mit der Gemeinschaft und empfinden Sinn in unserem Tun und Sein. Das fördert unseren Kohärenzsinn, wir fühlen uns zufrieden und zugehörig und erfahren unser Leben und die Welt als stimmig. Wir fühlen uns verbunden mit ihr und uns selbst.

3. Unser Selbstvertrauen wächst, wenn wir in Gruppen aktiv sind:

Wenn wir in der Gruppe gemeinsame Ziele erreichen, sind es immer auch unsere individuellen Ziele und persönlichen Leistungen, die wir erreicht haben und auf die wir stolz sind. Das stärkt unser Selbstvertrauen.

4. Wir erfahren in Gemeinschaften Selbstwirksamkeit:

In der Gemeinschaft erfahren wir, dass wir zusammen oft mehr erreichen können als als Individuum. Wir sind nicht mehr machtlos, sondern werden zum aktiven Mitgestalter. Wir empfinden uns und unser Tun als sinnstiftend, wir werden selbstwirksam.

5. Wir entdecken unsere Individualität in Abgrenzung zu anderen:

Um uns selbst besser zu erkennen, brauchen wir den Spiegel durch andere Menschen. Gleichgesinnte in der Gruppe können uns helfen, unsere Individualität zu finden. In der Gemeinschaft mit anderen und in der Abgrenzung zu ihnen können wir uns selbst als Individuen finden. Und das gelingt in der Gruppe sehr viel besser als allein. Das Leben in der Gemeinschaft stärkt unsere Identität und verbindet uns gleichzeitig mit anderen.

Die Identifikation mit einer Gemeinschaft von Menschen, die einen verstehen und unterstützen, ist eine der stärksten Formen der sozialen Verbundenheit.

Fabio Sani, Professor für Sozialpsychologie, Universität Dundee, Schottland

Wie müssen Gruppen beschaffen sein, dass sie uns guttun?

Gruppen und Gemeinschaften können wichtige Ressourcen für uns darstellen, um unsere Resilienz zu stärken und uns neue Energie zu schenken. Die bloße formale Mitgliedschaft „auf dem Papier“ genügt allerdings nicht, um die positiven Aspekte einer Gruppe für uns nutzen zu können. Folgende drei Faktoren müssen erfüllt sein, damit wir Gemeinschaften als Krafttanks erfahren:

1. Identifikation mit der Gruppe

Entscheidend ist, dass uns die Gruppe und deren Ziele und Aktivitäten wirklich etwas bedeuten. Wenn wir nur zum Nachbarschafts-Stammtisch gehen, weil es von uns erwartet wird, werden wir dort nie das Gemeinschaftsgefühl erleben, ohne das eine Gruppe nur eine Ansammlung von Einzelpersonen ist. Nur wenn wir mit Herzblut bei der Sache sind, Sinn im Tun der Gemeinschaft sehen, gemeinsame Ziele unterstützen, können wir uns als Teil des Ganzen fühlen und uns mit der Gemeinschaft identifizieren. Wir erfahren Selbstwirksamkeit und ein Kohärenzgefühl.

2. Körperliches Wohlbefinden in der Gruppe

Um die positive Wirkung von Gemeinschaft und Gruppen auf unsere Gesundheit auch körperlich zu realisieren, ist es sinnvoll, dass wir auch unserem Körper in der Gruppe nicht schaden. Stammtische, die mehr dem ausschweifenden Alkoholkonsum als guten Gesprächen dienen, oder extrem leistungsorientierte Sportgruppen sind dafür eher hinderlich.

3. Kompatibilität von mehreren Gruppen

Wenn wir verschiedenen Gruppen angehören, sollten wir darauf achten, dass sich ihre Werte und Ziele sich nicht gegenseitig ausschließen. Sonst kommen wir womöglich noch in einen inneren Konflikt, der uns aufreiben kann.

3 Tipps, wie du die Vorteile von Gemeinschaften und Gruppen für dich nutzen kannst

Möchtest du dich aktiver in Gruppen engagieren? Dich weniger einsam und mehr verbunden mit gleichgesinnten Mitmenschen fühlen? Deine Gesundheit stärken durch ein starkes Wir-Gefühl? Dann schau dir diese drei wertvollen Tipps an.

Tipp 1: Such dir eine Gruppe, mit der du dich identifizieren kannst

Wenn du das Gefühl hast, zu wenig Kontakte zu Gleichgesinnten zu haben, dann schau dich nach einer Gruppe um, die deine Interessen abbildet. Es gibt so viele Möglichkeiten in allen Lebensbereichen: Ob Sport, Kunst und Kultur, Aktivitäten in der Natur, Sprachen lernen, ökologisches, soziales, religiöses oder politisches Engagement etc. – alles ist denkbar, wenn du es möchtest und mit ganzem Herzen dabei bist.

Tipp 2: Prüfe, ob deine bisherigen Gruppen zu dir passen oder ob du neue entdecken willst

Frage dich, ob du dich in den Gemeinschaften, in denen du tätig bist, auch deine Bedürfnisse wirklich abbilden. Fühlst du dich wohl und gut aufgehoben? Fühlst du dich mit den anderen verbunden? Siehst du Sinn in deinem Tun? Oder gibt es Punkte, die dich stören? Wünsche, die vielleicht besser in neuen Gruppen erfüllt würden?

Tipp 3: Halte in schwierigen Phasen an deiner Gemeinschaft fest

Wenn du schwierige Zeiten durchlebst oder in einer Krise steckst, behalte deine Gruppen im Auge und ziehe dich nicht komplett zurück. Auch wenn es schwerfällt, sich zu einem Treffen aufzuraffen, du wirst sehen, dass sich die Mühe lohnt. Du wirst bei den Menschen, denen du vertraust und die dich gut kennen, Unterstützung und Verständnis für deine Probleme finden. Bedenke aber auch, dass die Gruppe nicht deine Probleme lösen wird. Bei schwereren psychischen Problemen suche dir deshalb immer professionelle Hilfe bei einer Psychotherapeutin oder einem Arzt.

 

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Helen Kaltenbach schreibt am 15.09.2022

Vielen Dank für den Beitrag wie wichtig Gruppen z. B. für alleine lebende Menschen sind. Herzliche Grüße H. Kaltenbach


Sabine Gerlach schreibt am 04.09.2022

Einen schönen guten Morgen,
heute ist Sonntag, die Sonne scheint und ich bin mit dem Rad ein kurzes Stück durch den angrenzenden Wald gefahren. Die Menschen streben nach draußen, meist in Gruppen, Familien, Freunde, Vater und Sohn, aber auch viele Sportler sind alleine unterwegs. Meine Kinder sind mittlerweile erwachsen und leben ihr eigenes Leben. Seit mein Partner vor 2 Jahren verstorben ist, wird mir immer bewusster, wie wichtig ein gemeinsames Treffen mit Freunden und Familie ist, um nicht zu vereinsamen. Und ich merke, dass ich meinen Teil dazutun muss und will, um Gemeinschaften zu finden und auch zu erhalten. Heute habe ich auf ein Kaffeekränzchen eingeladen und freue mich auf den Besuch, auch und gerade weil davor so einiges vorzubereiten ist. Mit herzlichem Gruß, Sabine Gerlach


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 Gemeinschaft und Gruppen – der Mensch ist ein soziales Wesen
 Positive Auswirkungen von Gruppen und Gemeinschaften auf unsere Psyche
 Warum bereichern Gemeinschaften unser Leben?
 Wie müssen Gruppen beschaffen sein, dass sie uns guttun?
 3 Tipps, wie du die Vorteile von Gemeinschaften und Gruppen für dich nutzen kannst
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