Einsamkeit - innere Leere

Ursachen von Einsamkeit. Die drei Phasen der Einsamkeit. Wie die innere Leere überwinden und sich wieder mit anderen verbunden fühlen?

Einsamkeit - innere Leere
© Jeremy Bishop, unsplash.com

Einsamkeit, innere Leere, das Gefühl, überflüssig und ungeliebt zu sein: warum fühlen wir uns einsam, wie kann man der Einsamkeit vorbeugen und was tun, wenn man sich einsam fühlt?

Was ist Einsamkeit?

Die Einsamkeit hat mich gelehrt, dass das Zusammensein mit anderen etwas ziemlich Schönes ist.  Und das Zusammensein mit anderen hat mich gelehrt, dass die Einsamkeit etwas ziemlich Schönes ist.
Günter Radtke

Nicht alle Menschen können der Einsamkeit etwas Positives abgewinnen. Die meisten Menschen empfinden Einsamkeit und Alleinsein als sehr schmerzhaft und belastend. So Sandra, eine Klientin von mir. Sie erlebt ihr Alleinsein und ihre Einsamkeit so:

Ich bin so einsam. Meine Einsamkeit zerfrisst mich von innen. Das ist so ein Gefühl, wie wenn man in einem dunklen Raum ganz alleine sitzt. Ich sehne mich so sehr nach Liebe und Geborgenheit. Mich hat seit Jahren keiner mehr in den Arm genommen. Ich weiß nicht mehr weiter. Seit 6 Jahren, seit ich berufstätig bin, habe ich zwar Kollegen, aber habe es nie geschafft, einen davon richtig kennen zu lernen. Ich rede mit fast niemandem, es sei denn, jemand spricht mich mal an.

Irgendwie war ich schon immer schüchtern, bin im Umgang mit anderen Menschen total unsicher und ängstlich. Wenn ich Paare sehe, kommen mir die Tränen. Das ist die Hölle. Alle haben jemanden, nur ich nicht. Was ist bloß an mir verkehrt, dass ich so wenig liebenswert bin? Bei Gefühlsmusik wie von Xavier Naidoo kriege ich die Krise. Ich sitze abends in meiner Wohnung und grüble über mich nach. Ich habe überhaupt keine Kraft mehr. Welchen Sinn macht das Leben noch?

Viele Menschen, auch jüngere Menschen, fühlen sich einsam, ungeliebt, alleingelassen und vom Leben abgeschnitten. Die Einsamkeit und Isolation ist für sie ebenso schmerzhaft wie eine körperliche Erkrankung.

Viele Menschen verwechseln Einsamkeit mit Alleinsein. Sie glauben, man müsse sich zwangsläufig einsam fühlen, wenn man Single ist und keinen Partner hat. Dem ist jedoch nicht so. Allein sein bedeutet nicht zwangsläufig einsam sein!

Einsamkeitsgefühle können auftreten, auch wenn wir

  • verheiratet sind,
  • einen Beruf haben,
  • von anderen gemocht werden,
  • jung sind,
  • Kinder haben,
  • uns in Gesellschaft befinden.

Alleinsein führt nicht zwangsläufig zum Gefühl der Einsamkeit!

Viele Menschen haben Angst vor der Einsamkeit oder Vereinsamung, während es andererseits Menschen gibt, die bewusst die Einsamkeit und Zurückgezogenheit suchen, indem sie für einige Wochen in ein Kloster gehen. Einsamkeit kann (körperlich) krank machen, wenn wir uns ihr ausgeliefert fühlen. Sie kann aber auch die Persönlichkeit stärken, wenn wir sie bewusst aufsuchen, um z.B. zu meditieren.

Warum gibt es so viele vereinsamte Menschen? Mit Hilfe der modernen Kommunikationsmittel können schneller und leichter Kontakt aufnehmen, als je zuvor. Wir können eine Nachricht innerhalb weniger Sekunden per Email oder SMS abschicken, mit dem Handy jederzeit erreichbar sein und andere erreichen. Wir können uns in sozialen Netzwerken zu jeder Tages- und Nachtzeit mit anderen austauschen.

Ursachen von Einsamkeit - warum wir uns einsam und isoliert fühlen

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bestimmte negative Einstellungen uns für Einsamkeitsgefühle empfänglich machen. Menschen, die sich einsam fühlen, glauben, nicht liebenswert zu sein. Sie glauben, unbedingt einen Partner zu brauchen, um glücklich zu sein.

Das Gefühl, nicht liebenswert zu sein, entsteht sehr oft in der Kindheit. Sandra beschreibt ihre Kindheit so:

Seit ich mich erinnern kann, war ich ein Außenseiter, musste Hänseleien über mich ergehen lassen, keiner wollte mit mir spielen. Meine Eltern lebten selbst sehr zurückgezogen, genügten sich. Die sagten mir immer, dass Freunde wichtig sind, konnten mir aber auch nicht helfen. Ich stand dann am Fenster und schaute sehnsüchtig, wie die anderen Kinder auf der Straße ihren Spaß? hatten. Ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll, endlich Freunde zu finden. Wenn mich mal jemand anspricht, dann setze ich mich wahnsinnig unter Druck, um ihm zu gefallen. Ja, und doch bin ich wohl immer nicht interessant genug.

Wie Sandra leiden viele Betroffene unter einer starken Angst vor Ablehnung und lehnen sich selbst ab. Da sie sich selbst ablehnen, sind sie in starkem Maße auf Anerkennung, Lob und Zuspruch anderer angewiesen. Manchmal wirken sie aufgrund innerer Unsicherheiten arrogant und überheblich.

Umgekehrt zeichnen sich Menschen, die mit sich allein zufrieden sein können, aber auch im Kontakt zu anderen Menschen stehen, durch folgende Einstellungen aus. Sie können

  • sich selbst annehmen und glauben, anderen Menschen etwas geben zu können
  • damit umgehen, dass ein anderer sie ablehnt und ihre Schwächen erkennt
  • andere Menschen mit ihren Schwächen akzeptieren.

Ob wir uns einsam fühlen, hängt also nicht davon ab, ob wir allein sind, sondern von unserer Einstellung zu uns und unserem Leben.

Auch Veränderungen in den Lebensumständen können die Entstehung von Einsamkeitsgefühlen begünstigen.

Wenn der Partner sich von uns trennt, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, wenn wir pensioniert werden, wenn wir eine chronische Erkrankung bekommen oder körperliche Beschwerden uns einschränken und behindern.

Wie chronische Einsamkeit entsteht

1. Die momentane, vorübergehende Einsamkeit

Die Einsamkeitsgefühle dauern nur kurze Zeit und sind eine Reaktion auf äußere Umstände wie beispielsweise einen Umzug, einen Krankenhausaufenthalt, Arbeitslosigkeit, den Auszug der Kinder. Ausgelöst durch diese Ereignisse können wir von dem Kontakt mit anderen uns vertrauten Menschen abgeschnitten sein. Diese Phase der Einsamkeit ist nicht schädlich, sondern kann hilfreich sein, uns den neuen Umständen anzupassen. Sie deutet eine Veränderung in unserem Leben an.

2. Der langsame Rückzug

Die Einsamkeit beginnt, unser Dauerbegleiter zu sein. Unsere Fähigkeiten, Kontakt aufzunehmen und uns mit anderen Menschen zu unterhalten, nehmen langsam ab. Wir verlernen zu lächeln und über Alltäglichkeiten zu reden.

3. Die chronische Einsamkeit

Die Einsamkeitsgefühle dauern Monate oder gar Jahre. Wir versteinern. Alle unsere Fähigkeiten, Kontakt aufzunehmen und aufrechtzuerhalten, für andere attraktiv zu sein, Anerkennung anzunehmen und zu geben, sind verschwunden. Andere wissen nichts mehr mit uns anzufangen. Wir fühlen uns abgelehnt und unattraktiv und verlieren immer mehr das Vertrauen in unsere Fähigkeiten. Wir ziehen uns zurück, kapseln uns ab oder werden anderen gegenüber immer abweisender und gereizter.

Faktoren, die emotionale Isolation und Einsamkeit begünstigen

Die folgenden Faktoren können dazu beitragen, dass sich Menschen einsam fühlen:

  • Viele Menschen leben in der Großstadt. Der Kontakt zu den Angehörigen wird oder kann nicht mehr so gepflegt werden. Außerdem ist die Anonymität in einer Stadt größer als auf dem Land.
  • Jede dritte Ehe zerbricht und hinterläßt zunächst einmal zwei alleinstehende Menschen.
  • Die Lebenserwartung steigt. Da Frauen länger leben, gibt es mit zunehmendem Alter auch mehr alleinstehende Frauen.
  • Die Menschen setzen sich immer mehr Ziele, legen ihren Schwerpunkt auf Erfolg und Leistung, denken zunächst einmal an sich selbst. So werden Partnerschaften erschwert oder die Bildung von Partnerschaften vernachlässigt.
  • Der Einzug des Computers in den beruflichen und privaten Bereich erschwert die soziale Kommunikation. Menschen sind es nicht mehr gewohnt, miteinander zu sprechen und aufeinander ein- und zuzugehen.
  • Es ist für viele junge Menschen unmodern, sich in einem Verein oder ehrenamtlich zu engagieren.
  • Viele Eltern sind beide berufstätig, so dass sie wenig Zeit haben, mit ihrem Kind zu sprechen, es in der sozialen Kommunikation zu schulen. Sie können dem Kind nur schwer ein Gefühl des Geborgenseins und der Annahme vermitteln.
  • Mangelnde Selbstliebe: wer sich selbst nicht genügt, der braucht andere, um das Gefühl zu haben, liebenswert zu sein.

Können wir Einsamkeitsgefühle vollkommen aus dem Leben verbannen?

Nein. Es wird immer wieder Momente geben, in denen wir uns auf uns selbst zurückgeworfen und alleine fühlen. Augenblicke, in denen wir uns ungeliebt, hilflos und völlig isoliert von allen anderen Menschen fühlen. Wir können jedoch etwas tun, dass aus der gelegentlichen Einsamkeit keine chronische Einsamkeit wird.

Wie Einsamkeit überwinden? Wege aus der Einsamkeit

"Ich bin einsam und allein, was soll ich tun?" Diese Frage stellen mir viele Menschen in der Therapie und in Leserbriefen. Einsamkeitsgefühle sind ein Alarmsignal, dass sich in Ihrem Leben etwas geändert hat und/oder Ihre Bedürfnisse nicht (mehr) erfüllt werden. Nehmen Sie diese Gefühle zum Anlaß, herauszufinden, was Ihnen fehlt und zu lernen, mit sich selbst alleine zufrieden zu sein und/oder um zu lernen, auf andere Menschen zuzugehen.

TIPP 1:Behandeln Sie sich liebevoll wie einen guten Freund.
Wenn Sie die Einstellung haben, dass es sich nicht lohnt, für Sie alleine etwas Schönes zu kochen oder den Tisch zu decken, dass der Spaziergang alleine ohnehin keine Freude machen kann und Sie deshalb lieber zuhause bleiben sollten, dann behandeln Sie sich abschätzig. Sie sind es sich nicht "wert", für sich alleine etwas Gutes zu tun.

TIPP 2:Nehmen Sie Kontakt zu anderen Menschen auf.
Erwarten Sie von sich dabei keine "hochgeistigen" Gespräche, denn sonst nehmen Sie erst gar keinen Kontakt zu anderen auf. Beginnen Sie über Alltägliches zu reden: das Wetter, das Fernsehprogramm, einen Zeitschriftenartikel, den Sie gelesen haben. Interessieren Sie sich für den anderen und erzählen Sie auch etwas von sich. Hierdurch bleiben Sie in Übung und haben den Eindruck, dazuzugehören. Üben Sie sich im Small Talk.

TIPP 3:Stellen Sie an Ihre Umwelt keine allzu hohen Erwartungen.
Mit dem einen Menschen können Sie vielleicht über Kinder reden, mit dem anderen Spaziergänge machen, mit wieder einem anderen vielleicht einem Hobby nachgehen. Ein einzelner Mensch braucht und wird nicht alle Ihre Bedürfnisse erfüllen.

TIPP 4:Geben Sie Ihrem Leben einen Sinn
Geben Sie Ihrem Leben einen Sinn, indem Sie sich eine Aufgabe suchen wie etwa eine ehrenamtliche Betätigung. Durch eine ehrenamtliche Betätigung fühlen Sie sich gebraucht und Sie haben Kontakt zu anderen Menschen. Sie helfen also anderen und sich selbst. Um Ihr Bedürfnis nach Zuwendung und Gebrauchtwerden zu befriedigen, könnten Sie auch z.B. in ein Tierheim gehen und dort anbieten, regelmäßig einen Hund auszuführen.

Einsamkeit ist eine Gefängniszelle, die sich nur von innen öffnen lässt. 
Alfredo Le Mont

TIPP 5:Lernen Sie, sich selbst mehr anzunehmen.
In dem Maße, in dem Sie sich selbst mögen und für liebenswert halten, werden Ihre Einsamkeitsgefühle abnehmen. TIPP: Sich selbst lieben lernen.

TIPP 6:In einem Einsamkeit Forum können Sie sich mit anderen austauschen und Rat einholen.
Ein Forum bietet auch die Möglichkeit, Kontakte mit Menschen herzustellen, denen es ähnlich geht.Ich wünsche Ihnen, dass Sie es schaffen, sich aus dem Gefängnis der Einsamkeit zu befreien und sich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen.

Einsamkeitsgefühle und Gefühle des Isoliertseins sind kein unüberwindbares Schicksal. Sie können Ihre Einsamkeit überwinden.

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Kathrin schreibt am 30.08.2021

Stimmt, die Tipps sind fast immer gleich und umzusetzen in etwa so schwer wie mit den Händen einen Berg zu versetzen. Ich bin seit langer Zeit Single, aber jetzt, mit 40, schlägt so richtig die Einsamkeit bei mir ein. Nicht mal wirklich weil ich Single bin, sondern weil entweder die Freundin weit weg gezogen ist oder weil die Freunde schlicht weg keine Zeit haben, zwischen Beruf und Partner. Auch auf Leute zu zugehen, was ich oft mache, kommt dann nichts oder nur kurz was zurück.
Und Über Foren sich auszutauschen ist ja ganz nett, aber persönlich unterhalten und sich treffen und reden wäre jetzt mehr mein Fall.

Margarina schreibt am 23.05.2021

Ich muß mal loswerden, daß ich Single bin, und will das auch nicht unbedingt mit aller Gewalt ändern, aber in der Corona-Zeit gab es schon manchmal Momente großer Einsamkeit, zumal meine beste Freundin wohnt auch nicht gleich um die Ecke.
Ich bin auch nicht per se neidisch auf Pärchen und deren Liebesglück.
Aber heute beim Einkaufen, hat ein Pärchen immer meine Aufmerksamkeit gesucht, es waren auch keine Teenies mehr, und mehrmals demonstrativ mich zum Publikum versucht zu machen, und mussten allen im Weg stehen und sich ständig küssen und umarmen und begrapschen.
Es war so ähnlich wie wenn ich mich einem Bettler gegenüber setze und demonstrativ vor seinen Augen einen Döner essen würde, nur um ihm zu zeigen, ich hab da was zu essen aber du nicht...und nein, daß habe ich mir nicht nur eingebildet.
Irgendwie kann ich sowas nicht nachvollziehen, das andere so mit ihrem Glück hausieren müssen, und fand es schon irgendwie geschmacklos und daneben.
Es gibt Momente da geht mir sowas vorbei, aber ich bin dabei wankeld wieder mehr oder weniger ins Gleichgewicht zu kommen, und es hat mich schon geärgert!
Das musste ich mal loswerden!

Senad schreibt am 18.05.2021

Ich fühl mich nur noch schlechter und es ist wie die Suche nach der baden im Heuhaufen. Immer wenn ich im Internet nach einer Lösung für mich suche. Ich könnte am liebsten sterben

Volker schreibt am 07.04.2021

Wenn Sie einen Absatz bezüglich Einsamkeit und (komplexes) PTSD hier aufnehmen, dann sind Sie wirklich gut.

(Und nicht so Plattitüden wie alleine sein ist nicht einsam sein ...)

Susanne schreibt am 29.03.2021

Der Artikel ist passend und für mich praktisch leider nicht umzusetzen da bin ich sehr traurig

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 Was ist Einsamkeit?
 Ursachen von Einsamkeit - warum wir uns einsam und isoliert fühlen
 Wie chronische Einsamkeit entsteht
 Faktoren, die emotionale Isolation und Einsamkeit begünstigen
 Können wir Einsamkeitsgefühle vollkommen aus dem Leben verbannen?
 Wie Einsamkeit überwinden? Wege aus der Einsamkeit
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